„Looksmaxxing"

Gefährlicher Online-Trend zwischen Selbstoptimierung und Selbstzerstörung

„Looksmaxxing“ – die gezielte Optimierung des eigenen Aussehens – liegt bei jungen Männern im Trend. Eine aktuelle Studie in Sociology of Health & Illness zeigt: In der „Manosphere“ wird aus Selbsthilfe schnell Selbstzerstörung. Bodyshaming, riskante Eingriffe und massive psychische Belastungen bis hin zu Suizidgedanken sind die Folge.

©lielos / stock.adobe.com Die Community propagiert Selbstoptimierung als den Weg für junge Männer hin zum „Erfolg bei Frauen“ und zu gesellschaftlicher Anerkennung. Daraus entsteht ein Sog zu medizinischer Selbstveränderung mit teils schlimmsten Folgen.

Im Zentrum der Untersuchung stand ein Onlineforum mit rund sechs Millionen Besuchern pro Monat. Die Forschenden analysierten über 8.000 Kommentare in zwei besonders aktiven Unterforen: eines für Selbstoptimierung (z. B. Fitness, Hautpflege, Operationen), das andere für das Hochladen und Bewerten von Fotos. Ziel der Community sei es, Männer durch Maßnahmen wie „Mewing" (Zungenhaltung zur Kieferoptimierung), Gewebe-Filler oder chirurgische Eingriffe „aufzuwerten“, wie die Autoren der Studie eingangs schreiben.

Doch statt gegenseitiger Unterstützung herrsche vielmehr ein rauer Ton. Die Autoren sprechen von einem „hegemonial-maskulinen Blick“, der Körper nach scheinbar objektiven Kriterien vermesse und Männer öffentlich degradiere – etwa wegen einer „zu langen Philtrumlänge“ oder eines „kindlichen Unterkiefers“. Bewertet werde mit der PSL-Skala (nach einschlägigen Manosphere-Foren benannt), auf der Männer als „Chad“ (Idealtyp) bis hin zum „Subhuman“ einsortiert werden. Wer dem Ideal nicht entspricht, wird zur Zielscheibe von Spott – oder zum Fall für drastische Ratschläge.

Medizin als Mittel zur Männlichkeit

Die Community propagiert Selbstoptimierung als den Weg zum „Erfolg bei Frauen“ und zu gesellschaftlicher Anerkennung. Daraus entsteht ein Sog hin zu medizinischer Selbstveränderung: Neben harmlosen Tipps wie Bartpflege und Training finden sich aber auch Anleitungen zu „Mewing", „Bonesmashing" (gezieltes Schlagen auf die Gesichtsknochen zur Formveränderung) und teuren Operationen wie Beinverlängerung oder Kieferchirurgie. Die Verfahren seien oft invasiv und gesundheitlich riskant – aber werden als einziger Ausweg aus der angeblichen „Subhumanen“ Zone angepriesen.

Die Autor:innen beobachteten eine paradoxe Dynamik: Medizinische Eingriffe werden einerseits als Weg zu mehr Männlichkeit stilisiert, andererseits als unnatürlich und „zu weiblich“ diffamiert, wenn sie zu auffällig sind. Diese Gratwanderung zwischen Aufwertung und Stigmatisierung zehre schließlich am Selbstbild der Nutzer, so die Autoren weiter.

Maskuline Demoralisierung: Wenn Hilfe in Hass kippt

Die ursprünglich als Hilfe gedachte Plattform entwickelt sich zum Ort systematischer „maskuliner Demoralisierung“. Wer nicht ins Idealbild passe, werde öffentlich entwertet – bis hin zu Kommentaren wie „Du solltest dich erhängen“ oder „Es ist vorbei für dich“. Auch Nutzer, die selbst angegriffen wurden, greifen andere an – ein toxischer Kreislauf aus Abwertung, psychischem Druck und Selbsthass. Suizid werde nicht tabuisiert, sondern teilweise aktiv propagiert.

Gerade junge Männer, die an ihrem Aussehen oder gesellschaftlicher Teilhabe zweifeln, können in diesen Onlineforen tief verunsichert werden. Die Studienautoren fordern daher, „Looksmaxxing" als ernstzunehmendes Gesundheits- und Gesellschaftsproblem zu betrachten – und warnen vor den psychologischen und körperlichen Schäden, die durch diese Form digitaler Selbstoptimierung entstehen können.

Fazit: Gefährlicher Schönheitswahn in der Männerwelt

Die Arbeit von Halpin et al. zeige, wie tief patriarchale Ideale in Onlinekulturen wie der sogenannten „Manosphere" verankert seien – und wie sie nicht nur Frauen, sondern auch Männer massiv schädigen. Unter dem Deckmantel der Selbstverbesserung förderten diese Communities ein menschenverachtendes Idealbild, das reale Männer mit realen Unsicherheiten zerstört, statt sie zu unterstützen.

„Looksmaxxing" ist damit deutlich mehr als ein TikTok-Trend – es ist ein Ausdruck einer digitalen Gesundheitskrise im Schatten toxischer Männlichkeitsideale, wie die Autoren es abschließend benennen.

 

Originalpublikation: Halpin M et al., When Help Is Harm: Health, Lookism andSelf‐Improvement in the Manosphere. Sociology of Health & Illness 2025; 47: e70015

Bei den folgenden Kommentaren handelt es sich um die Meinung einzelner änd-Mitglieder. Sie spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung der Redaktion wider.

Zugang nur für Ärzte. Melden Sie sich an oder registrieren Sie sich, um die Community-Diskussion zu sehen.

Im Fokus – Fakten und Hintergründe

GKV-Finanzierung

Reinhardt prangert Vielzahl der unkoordinierten Vorschläge an

Angesichts der unzähligen Vorschläge zur Rettung der GKV-Finanzen, die in den vergangenen Wochen durch die Schlagzeilen liefen, rät der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) zur Vollbremsung: Das Durcheinander verunsichere inzwischen die Patienten.

GKV-Finanzen

Gassen schließt Leistungskürzungen nicht aus

Die KBV fordert zur besseren Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung den staatlichen Ausgleich für versicherungsfremde Leistungen, schließt aber auch Leistungseinschränkungen nicht aus. Langfristig setzt sie auf ein digital hinterlegtes Primärarztsystem.

Rechnungshof:

Milliarden für Terminvermittlung bringen nichts

Zusätzliche Vergütungen zur Vermittlung von Facharztterminen sind umgehend abzuschaffen. Das fordert der Bundesrechnungshof in einem aktuellen Bericht. Sie hätten keine Wirkung – wie alle Vergütungsregelungen aus dem TSVG.

Sondertarife in der PKV

Wie Praxen Honorarverluste vermeiden

„Privatpatient“ klingt eindeutig – ist es in der Praxis aber oft nicht. Im Gespräch mit Rechtsanwältin Andrea Schannath, Justitiarin des Virchowbundes, zeigt sich schnell, wie viele Sonderregeln hinter diesem Begriff stecken können. Wer hier nicht genau hinschaut, verschenkt Honorar oder steuert direkt in Konflikte.

Zwischen Entlastungsversprechen und Praxisrealität

Online-Terminvergabe: Warum zögern so viele Praxen?

Digitale Terminvergabesysteme versprechen effizientere Abläufe und Entlastung, bleiben aber zumindest in vielen Praxen in Mecklenburg-Vorpommern die Ausnahme. Das zeigt eine Untersuchung der Ärztekammer Mecklenburg-Vorpommern.

2027 droht 12-Milliarden-Lücke in der GKV

DAK-Chef Storm spricht vom „letzten Warnschuss“

In der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) droht nach aktuellen Berechnungen des IGES Insituts bereits 2027 eine Finanzlücke von bis zu zwölf Milliarden Euro. DAK-Vorstandschef Andreas Storm forderte schnelle Reformen und präsentierte einen dreistufigen Stabilitätspakt für die GKV.

Stromausfall, Überschwemmung & Co.

Wie ein Praxisausfall kein Existenzproblem wird

Als Anfang Januar in Berlin der Strom ausfiel, standen viele Praxen still. Einnahmen brachen weg, während Fixkosten weiterliefen. Doch auch Wasserschäden, Brände oder die eigene Krankheit können den Betrieb zum Erliegen bringen. MLP-Finanzberater Michael Kersten erklärt, wie Praxen solche Ausfälle absichern und existenzielle Folgen vermeiden.

ePA-Sanktionen

KVen prüfen das Modul – nicht die Nutzung

Ab dem 1. Januar 2026 gilt: Ärztinnen und Ärzte, die die elektronische Patientenakte (ePA) nicht nutzen, müssen mit einer Kürzung der Vergütung rechnen. Was auf dem Papier wie eine hart sanktionierte Pflicht klingt, beschränkt sich im Grunde auf eine technische Formalität. Denn tatsächlich reicht es aus, das nötige Modul zu installieren. Eine Kontrolle der tatsächlichen Nutzung findet nicht statt.

Forderung nach Gesetzesänderung

Reicht künftig "Wahrscheinlichkeit" für Behandlungsfehler-Nachweis?

Patienten sollen es leichter haben, ärztliche Behandlungsfehler nachzuweisen. Das fordert der Patientenbeauftragte der Bundesregierung Stefan Schwartze (SPD). Er hat auch schon einen konkreten Vorschlag, wie das Patientenrechtegesetz dafür umgebaut werden könnte.

Praxissoftware

ZI veröffentlicht Vergleichsportal

Systemabstürze, schlechter Service: Die Unzufriedenheit mit der Praxissoftware ist vielerorts hoch. Das ZI hat daher nun ein interaktives PVS-Vergleichsportal online geschaltet, das wechselwilligen Ärztinnen und Ärzten Orientierung bieten soll.

Digitale Akte für Privatversicherte

Wie halten es die PKV-Unternehmen mit der ePA?

Die gesetzlichen Krankenkassen sind verpflichtet, ihren Versicherten eine elektronische Patientenakte anzulegen, für private Krankenversicherer gilt dieser Zwang nicht. Wie halten es die PKV-Unternehmen also mit der digitalen Akte? Der änd hat nachgefragt.

Telefonische Krankschreibung

Hausärzteverband attackiert KBV-Chef: „Absolut inakzeptabel“

Der Hausärzteverband kritisiert die Forderung von KBV-Chef Dr. Andreas Gassen, die Telefon-AU abzuschaffen. Der Verband spricht von einem „unglaublichen Vorgang“ und warnt vor einem Rückschritt bei einer der wenigen echten Entbürokratisierungen.

Digital-gestütztes Versorgungsangebot

„Wir brauchen genau solche Konstrukte“

In einem Dorf in Nordrhein-Westfalen ist im Herbst ein neuartiges Versorgungskonzept gestartet: Nicht-ärztliches Personal führt KI-gestützt das Anamnesegespräch, übernimmt Untersuchungen und leitet die Ergebnisse digital an Dr. Thomas Bandorski weiter. Im änd-Interview erklärt er, wie das Konzept genau funktioniert – und wo die Grenzen liegen.

Umfrage

Online-Buchung selten alleiniger Kanal – Praxen bleiben hybrid

Die Online-Terminvergabe ist auf dem Vormarsch: Schon rund die Hälfte der änd-Mitglieder bietet einen solchen Service den Patienten an – oder plant dies in Kürze. Ein Anbieter sticht dabei deutlich heraus.

BÄK warnt vor Diagnostik in Drogerien

„Gefährliche Deprofessionalisierung“

Gesundheitschecks zwischen Shampoo und Zahnpasta bergen Risiken, warnt die Bundesärztekammer und fordert klare gesetzliche Grenzen für medizinische Diagnostikangebote in Drogeriemärkten. Es drohe eine gefährliche Deprofessionalisierung.

Künstliche Intelligenz

„KI ist keine Institution, auf die Verantwortung abgeladen werden kann“

Wann können Ärzte Haftungsprobleme bekommen, wenn sie KI-gestützte Anwendungen einsetzen? Entscheidend bleiben dabei die Sorgfaltsmaßstäbe für den Arztberuf, sagt Prof. Dirk Heckmann, Experte für Digitalrecht. Bei den Kriterien für diese Maßstäbe solle das Bundesgesundheitsministerium für mehr Klarheit sorgen, fordert er.

BFAV-Chef Holler

"Dies ist ein gefährlicher Irrweg"

Der neu gewählte Chef des Bayerischen Facharztverbandes, Dr. Klaus Holler, geht mit den Reformbestrebungen der Politik hart ins Gericht: Sie sei weit davon entfernt, die echten Probleme im System mit der notwendigen Energie anzugehen. Was der HNO-Arzt aus Neutraubing konkret fordert, erklärte er im Gespräch mit dem änd.

Brief an Bundes­gesundheitsministerin

Kennedy kritisiert Deutschland wegen Corona-Verfahren – Warken wehrt sich

US-Gesundheitsminister Kennedy Jr. meldet sich mit harschen Attacken zur deutschen Politik infolge der Corona-Krise zu Wort – und erntet deutlichen Widerspruch aus Berlin.

Ökonom Drabinski:

Ohne echten Wechsel droht „faktische Systeminsolvenz“

Krankenhausreform, Primärarztsystem oder Arzneimittelkosten: Die derzeitigen politischen Debatten drehen sich in erster Linie um mehr Kosteneffizienz im Gesundheitssystem. Der eigentliche Elefant im Raum wird dabei jedoch weitgehend ausgeblendet, warnt der Kieler Gesundheitsökonom Prof. Thomas Drabinski.

Jahresausblick

Reinhardt attestiert GOÄ sehr gute Erfolgsaussichten für 2026

Im Jahr 2026 müssen entscheidende Weichen in der Gesundheitspolitik gestellt werden, fordert der Präsident der Bundesärztekammer (BÄK) Dr. Klaus Reinhardt. Mindestens drei große Reformvorhaben und die GOÄ müssen aus seiner Sicht deutlich vorankommen.

Wofür steht der änd?

Mehr als 50.000 Ärzte lesen, diskutieren und teilen ihr Wissen. Kostenlos anmelden Nur für Ärzte!

Kollegenfragen - Diagnose und Behandlung

Sie brauchen einen Rat oder haben Antwort auf die Fragen eines Kollegen? Machen Sie mit

Jetzt Fragen stellen