Zahnseide

Nicht nur sauber, sondern auch geimpft

Eines Tages kann Zahnseide womöglich nicht nur vor Karies schützen, sondern auch vor Influenza. Forschende haben eine spezielle Zahnseide entwickelt, die als nadelfreie Impfung zum Einsatz kommen soll. Die Ergebnisse werden als beeindruckend bezeichnet.

©K.A./peopleimages.com/stock.adobe.com Zahnseide hilft, den interdentalen Belag zu entfernen und die Mundgesundheit zu verbessern. Vielleicht kann sie in Zukunft auch Impfungen ersetzen (Symbolbild).

Zugegeben, die Methode ist noch nicht produktionsreif, aber ein spannender Schritt in Richtung einer nadelfreien Impfung. Der Weg dahin war allerdings unkonventionell und nicht immer unkompliziert, erzählen die beiden Hauptautoren Harvinder Gill und Rohan Ingrole aus den USA dem Fachmagazin Science. Denn sie mussten bei einer Maus Zahnseide anwenden. Gill erzählt: Mit dem Metallring eines Schlüsselanhängers habe einer der beiden vorsichtig den Unterkiefer offen gehalten, während der andere die Zahnseide durch die Zahnzwischenräume der Maus zog. 

Ziel der Versuche war es, zu überprüfen, ob der Schleimhautkontakt über die Zahnfleischtaschen ausreicht, um Proteine - zum Beispiel einen Impfstoff - in den Körper zu transportieren. Im Mundraum selbst gibt es in der Regel starke Abwehrmechanismen gegen fremde Moleküle, die aber über die Applikation via Zahnseide (und Zahntaschen) womöglich umgangen werden können. 

Die Studie publizierten die Forschenden in der Zeitschrift nature biomedial engineering.

Zunächst Versuche an Mäusen 

In einem ersten Probelauf beschichteten die Forschenden flache Tape-Zahnseide mit einem fluoreszierenden Protein und stellten fest: 75 Prozent des Eiweißes wurden erfolgreich aufgenommen. Zwei Monate nach dem Versuch zeigten die Mäuse erhöhte Antikörpertiter gegen das verabreichte Protein - die Antikörper waren in der Lunge, Nase, Milz und sogar im Stuhl zu finden, was für eine umfangreiche Immunantwort spricht. 

Schließlich verabreichten die Wissenschaftler den Versuchstieren inaktive Bestandteile des Grippevirus, indem sie den Mäusen über einen Zeitraum von 28 Tagen alle zwei Wochen die Zähne „flossten“- also insgesamt dreimal. Nach vier Wochen infizierten sie die Mäuse mit dem Grippevirus. Alle „geimpften“ Mäuse überlebten, alle anderen starben.

Die Wirkung des Zahnseide-Impfstoffes sei vergleichbar mit der von nasalen Grippeimpfstoffen, erläutert Gill. Es wurden bei den überlebenden Mäusen nicht nur Antikörper gegen Influenza gefunden, sondern der Wirkstoff hatte die lokalen Lymphknoten stimuliert, die Zahl von CD4+-T-Zellen in Lymphknoten, Lunge und Milz erhöht, die Zahl antikörperproduzierender Zellen im Knochenmark gesteigert und führten somit zu einer starken, langanhaltenden Immunantwort in mehreren Organen.

Schließlich erste Tests mit Menschen

Nun folgten erste Versuche mit freiwilligen menschlichen Probanden: Sie wurden gebeten, sich die Zähne mit Zahnseide, die mit Lebensmittelfarbe präpariert waren, zu "flossen". Die Forschenden konnten schließlich nachweisen, dass 60 Prozent der Farbe in das Zahnfleisch überging. Die Probandinnen und Probanden sagten übereinstimmend, dass sie eine Impfung via Zahnseide einer Spritze vorziehen würden. 

Einfach und kostengünstige Alternative?

Die Ergebnisse legen nahe, dass Impfungen via Zahnseide eine einfache, kostengünstige und effektive Alternative zu bisherigen Impfmethoden darstellen könnte, konstatieren die Autoren, mit Vorteilen in der Handhabung und dem Patientenkomfort bei effektiver Immunaktivierung.

Ob die Methode auch bei erkranktem Zahnfleisch erfolgreich wäre, kann noch nicht abgesehen und muss weiter erforscht werden. Bis dahin träumen die beiden Autoren von dem Tag, an dem man in seine Zahnarztpraxis geht "und Ihr Zahnarzt verabreicht während Ihres Besuchs einen dieser Impfstoffe."

 

Originalpublikation:
Ingrole, R.S.J., Shakya, A.K., Joshi, G. et al. Floss-based vaccination targets the gingival sulcus for mucosal and systemic immunization. Nat. Biomed. Eng (2025).
https://doi.org/10.1038/s41551-025-01451-3

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