Wenn falsche Nähe alt macht
Jeder Mensch altert - doch nicht bei allen verläuft der Prozess gleich schnell. Bislang richtete man den Blick insbesondere auf protektive Maßnahmen - Ernährung, Sport, Stressreduktion - aber untersuchte seltener, welche Faktoren die Alterung beschleunigen. Forschende haben in einer Studie nun herausgefunden, dass so manche soziale Beziehung uns ganz schön alt aussehen bzw. werden lässt.
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Belastende soziale Beziehungen machen alt. Interessanterweise hinterlassen konflikthafte Verwandtschaftsbeziehungen deutlichere biologische Spuren als belastende Ehebeziehungen (Symbolbild).
Altern ist ein universeller biologischer Prozess, bei dem sich nicht reparierte molekulare Schäden ansammeln und physiologische Funktionen abnehmen. Neben genetischen Dispositionen tragen Umwelt- und Sozialfaktoren maßgeblich dazu bei, wie rasch wir altern, und auch chronischer Stress spielt eine immense Rolle.
Soziale Beziehungen gelten als Schutzfaktor für Gesundheit und Langlebigkeit. Doch während die Forschung vor allem unterstützende Faktoren untersucht hat, rückt eine aktuelle Studie, veröffentlicht in PNAS, eine bislang wenig beachtete Dimension in den Fokus: Personen im engen sozialen Umfeld, die Probleme verursachen oder das Leben erschweren. Die Forschenden nennen sie „Hasslers“.
Die Ergebnisse legen nahe, dass solche negativen Bindungen die biologische Alterung messbar beschleunigen.
Negative Beziehungen sind keine Ausnahme
Grundlage der Analyse waren Netzwerkdaten einer bevölkerungsrepräsentativen Stichprobe aus dem US-Bundesstaat Indiana. Ergänzt wurden diese um epigenetische Marker aus Speichelproben, darunter die biologischen „Alterungsuhren“ DunedinPACE und GrimAge2, die auf DNA-Methylierungsmustern beruhen. Diese Verfahren erlauben Aussagen über die Geschwindigkeit des Alterns sowie über die kumulative biologische Alterslast.
Fast 30 Prozent der Befragten gaben an, mindestens eine belastende Person in ihrem engen Netzwerk zu haben. Diese „Hasslers“ befanden sich meist in eher peripheren Netzwerkpositionen und waren häufiger über schwache, einsträngige Beziehungen angebunden, also etwa über einen einzigen sozialen Kontext.
Auffällig ist zudem die soziale Verteilung: Negative Beziehungen treten nicht zufällig auf, sondern folgen speziellen Mustern, die mit sozialer und gesundheitlicher Vulnerabilität einhergehen: Frauen, tägliche Raucherinnen und Raucher, Personen mit schlechterem Gesundheitszustand sowie Menschen mit belastenden Kindheitserfahrungen berichteten signifikant häufiger von solchen problematischen Kontakten.
Messbar schneller biologisches Altern
Der zentrale Befund: Jede zusätzliche belastende Person im Netzwerk ging mit einer beschleunigten biologischen Alterung einher. Konkret entsprach ein weiterer „Hassler“ einer um rund 1,5 Prozent schnelleren Alterungsrate sowie einem biologischen Altersvorsprung von etwa neun Monaten. Die Effekte zeigten sich sowohl in der Geschwindigkeit des Alterns als auch in der kumulativen epigenetischen Altersbeschleunigung.
Dabei machte es einen Unterschied, wer die belastende Person war. Negative Beziehungen - sowohl zu Verwandten als auch zu nicht verwandten nahestehenden Personen - erwiesen sich als besonders relevant für eine beschleunigte Alterung. Belastende Ehepartnerinnen oder Ehepartner hingegen zeigten in dieser Analyse keinen vergleichbaren Effekt, da den Autorinnen und Autoren zufolge hier ein gewisser kompensatorischer Effekt zum Tragen komme.
Wiederholte Aktivierung der „Stressachse“
Die Auswirkungen beschränkten sich nicht auf epigenetische Marker. Eine höhere Zahl an belastenden Beziehungen war auch mit weiteren ungünstigen Folgen assoziiert, darunter häufiger psychische Symptome, erhöhte Entzündungsmarker und Multimorbidität. Als möglichen Mechanismus diskutieren die Autoren eine wiederholte Aktivierung der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennieren-Achse, die langfristig zu systemischer Entzündung, epigenetischer Dysregulation und metabolischer Belastung führen kann.
Die Autoren interpretieren negative soziale Bindungen daher als chronische Stressoren, die langfristig physiologische Regulationssysteme beeinflussen und so Alterungsprozesse prägen.
Neues Verständnis sozialer Einflüsse
Gleichzeitig weisen die Autorinnen und Autoren auf das Querschnittessdesign hin, aufgrund dessen keine kausalen Schlüsse gezogen werden sollten. Zudem wurden die negativen Beziehungen ausschließlich selbstberichtet erfasst und weiter Formen negativer Interaktionen wurden nicht analysiert.
Nichtsdestotrotz beleuchte die Studie einen Aspekt, der bislang nicht beachtet wurde, so die Forschenden, und sie erweitere das Verständnis sozialer Einflüsse auf die Gesundheit um eine entscheidende Perspektive: Nicht nur fehlende Unterstützung, sondern aktive soziale Belastung kann biologische Alterungsprozesse vorantreiben. Interventionen zur Förderung gesunden Alterns sollten auch darauf abzielen, schädliche soziale Bindungen zu reduzieren.
Originalpublikation:
B. Lee, G. Ciciurkaite, S. Peng, C. Mitchell, B.L. Perry, Negative social ties as emerging risk factors for accelerated aging, inflammation, and multimorbidity. Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (8) e2515331123, https://doi.org/10.1073/pnas.2515331123 (2026).