Schönheitswahn bei Männern kann ungesund werden
Der Wunsch nach makelloser Schönheit macht auch vor (jungen) Männern nicht halt. Und wer noch vor 30 Jahren als trainiert galt, wird heutzutage von begeisterten Fitnessstudiogängern belächelt. Immer größere Muskeln müssen es sein, und wenn sie nicht von alleine kommen, dann eben mithilfe von muskelanabolen Substanzen.
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Die Nebenwirkungen der Spritzen, beispielsweise Akne oder Gynämomastie, würden dann mit "Medikamenten wieder weggeballert", sagte der Endokrinologe Prof. Diederich in der Pressekonferenz (Symbolbild).
Hauptsächlich werden androgyne Steroide, seltener zusätzlich Wachstumshormone eingesetzt, berichtete Prof. Sven Diederich aus Berlin, Kongresspräsident der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, in einer Pressekonferenz anlässlich des diesjährigen DGE-Kongresses in Weimar.
Die Benutzerquote liege bei fünf bis 15 Prozent bei männlichen Besuchern von Fitnessstudios, bei Besuchern mit „Bodybuilder-Habitus“ bei mindestens 25 Prozent. „In ausgeprägter Form haben diese meist jungen Männer die CD-11-Diagnose Muskeldysmorphiesyndrom“, erklärte Diederich.
Sport, Ernährung, Anabolika
Dem Syndrom liegt eine übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen muskulären Körperbau zugrunde, den es immer weiter zu „optimieren“ gilt. Die Männer - häufig Jugendliche und junge Männer - sind viele Stunden pro Tag im Fitnessstudio anzutreffen, beschäftigen sich gedanklich übermäßig damit, zu wenig muskulös zu sein, und passen ihren Tagesablauf und die Ernährung an ihr Ziel an, Muskelmasse aufzubauen.
Häufig folge der Griff zu anabolen Substanzen, die leicht verfügbar seien, erklärte der Endokrinologe. Die Effektivität der Anabolika ist gut belegt: Der Muskelzuwachs unter Anabolika ohne Training ist ähnlich wie unter 12 Wochen hochintensivem Muskeltraining. Addiert man die Substanzen zum Training, addiert sich auch der Effekt.
Harmlos sind die Anabolika keineswegs und gesundheitliche Schäden kommen an fast allen Organsystemen vor:
- Kardiovaskulär: Artherosklerose, Kardiomyopathie, Dyslipidämie, plötzlicher Herztod, Hypertonie.
- Hämatologisch: Polyglobulie, verstärkte Gerinnungsneigung inklusive Thrombose.
- Neuropsychiatrisch: affektive Störungen (Manie, Depression), Aggressivität, Anabolikaabhängigkeit mit auch vermehrter Co-Abhängigkeit (Amphetamine etc.), kognitive Defekte.
- Hormonell: Gynäkomastie, Infertilität.
- Bewegungsapparat: Sehnenrupturen, vorzeitiger Schluss der Epiphysenfugen bei Verwendung bereits in der Pubertät, dadurch dann reduzierte Endgröße.
- Haut: Akne, Striae.
- Niere: selten Niereninsuffizienz durch Muskeldestruktion (Rhabdomyolyse). Patienten haben durch das abnorme Muskeltraining dauerhaft eine stark erhöhte Kreatinkinase, was aber meist keine Schäden bewirkt.
- Leber: Lebertoxizität bei alkylierten Anabolika, insbesondere wenn sie oral verabreicht werden.
Ärztlicher Rat erst bei Problemen
Erfahrungsgemäß sei die Einsicht aufgrund des Suchtcharakters bei den Betroffenen eher gering. Erst wenn gesundheitliche Probleme oder Kinderwunsch auftreten, werde Hilfe gesucht. Auffällige Laborwerte wie „dickes Blut“ durch einen erhöhten Hämatokritwert oder erhöhte Leberwerte werden von manchen ignoriert, von anderen besorgt zur Kenntnis genommen.
Wenn der Wunsch nach Absetzen der Anabolika besteht, sei es wichtig, dies nicht abrupt zu tun, denn das herunterregulierte eigene Hormonsystem benötige eine gewisse Zeit, um wieder voll funktionsfähig zu sein. Diederich berichtete: „Im Internet existieren entsprechende ‚Ausschleich-Schemata‘, die durchaus brauchbar sind.“
Aufklärung in der Praxis und im Fitnessstudio wichtig
Ferner sei die endokrinologische Fachpraxis der richtige Ansprechpartner, die „den Patienten diesbezüglich mit entsprechender Medikation - Antiöstrogene, niedrig dosiertes Testosteron - und Aufklärung begleitet.“ Darüber hinaus sei auch eine psychosoziale Begleitung wichtig, denn das Rückfallrisiko ist hoch.
Abschließend betont Diederich den Wert der Aufklärung: In den Fitnessstudios liefen immer Werbung oder andere Videos. Hier wäre eine Aufklärung über Anabolika gut platziert, findet er.
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Endokrinologie, 11. bis 13. März in Weimar. Informationen: https://www.dge2026.de/