DGK-Jahrestagung

Süßstoffe und ihr Risiko für Herzinfarkte

Süßstoffe sind in aller Munde – in Proteinriegeln, Süßgetränken und verarbeiteten Lebensmitteln. Sie gelten als gesund, doch neuen Studien zufolge liegt offenbar genau das Gegenteil vor. Gerade ohnehin kardiovaskulär gefährdete Personen sollten Süßstoffe unbedingt meiden, so das Fazit von Dr. Marco Witkowski von der Charité Berlin.

©mira_y/stock.adobe.com Sieht aus wie Zucker, ist aber keiner - und ist wohl leider auch kein unbedenklicher Ersatzstoff. In Studien wurden thrombozytenaktivierende Eigenschaften nachgewiesen (Symbolbild).

Wir befinden uns in einer weltweiten Adipositas-Pandemie – in Deutschland liegt die Prävalenz bei 19 Prozent. Die Gründe hierfür sind vielschichtig. Eine große Rolle spielen hochverarbeitete Lebensmittel, die viele versteckte Zucker enthalten, sowie gezuckerte Süßgetränke – leere Kalorien ohne Sättigungseffekt. Die Folgen von langjähriger Adipositas sind verheerend: Das Risiko für Schlaganfall, Herzinfarkt und Tod steigt deutlich an. 
 

©änd (Dr. Marco Witkowski, Charite Berlin, bei der Pressekonferenz im Rahmen der DGK-Jahrestagung).

Dringende Reduktion des Zuckerkonsums notwendig

Um den Zuckerkonsum zu reduzieren, nannte Dr. Marco Witkowski von der Charité Berlin in einer Pressekonferenz anlässlich der 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie drei Faktoren, die aktuell als Möglichkeiten zur Senkung des Zuckerkonsums öffentlich diskutiert werden: die Einführung einer Zuckersteuer, wie beispielsweise in Großbritannien oder Mexiko, wo der Zuckerkonsum besonders in sozial benachteiligten Familien um etwa zehn Prozent reduziert werden konnte. Ferner ein farbiges Bewertungssystem für Lebensmittel (Nutri-Score) und außerdem die Verwendung von Süßstoffen anstelle von Zucker. Dass Letztere eine gesündere Alternative sind, sei jedoch ein Trugschluss, betont der Internist. „Unsere Studien konnten belegen, dass mit dem Konsum von Süßstoffen und Zuckerersatzstoffen ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Ereignisse einhergeht.“

Es sei verständlich, dass sich viele Menschen Light-Produkten und Süßstoffen zuwenden, um den Zuckerkonsum zu senken, so Witkowski am Donnerstag in Mannheim. Doch: „Süßstoffe halten nicht die Versprechen, die von der Industrie gemacht werden.“

Süßstoffe verstärken Herz-Kreislauf-Erkrankungen 

Problematisch sei, dass viele Süßstoffe als „natürlich“ beworben werden – so zum Beispiel Erythritol (auch Erythrit genannt), das zwar natürlicherweise in Trockenpflaumen vorhanden ist, jedoch als Süßstoff verschiedenen Lebensmitteln in derart hohen Mengen beigesetzt sei, dass „man eine Schubkarre voller Trockenpflaumen essen müsste“, um auf eine vergleichbare Konsummenge zu gelangen. 

Eine Studie von Witkowski und seinem Team zu Zuckeralkoholen mit transkontinentalen Kohorten in Nordamerika und Deutschland habe nachweisen können, dass über einen Zeitraum von drei Jahren das Risiko für schwerwiegende Herz-Kreislauf-Ergebnisse (MACE) wie Herzinfarkt, Schlaganfall oder Tod deutlich erhöht war. Grund war eine gesteigerte Aggregationsfähigkeit der Thrombozyten. „Auch die unmittelbare Erythritol-Gabe in Form eines Getränks zeigte eine direkte Veränderung der Thrombozyten.“ Ähnliche Ergebnisse konnten auch bei erhöhten Konzentrationen von Xylitol (Xylit, Birkenzucker) festgestellt werden, betont Witkowski. 

„Unsere Forschungen belegen, dass also nicht nur die künstlich hergestellten, sondern auch natürliche Zuckeraustauschstoffe wie Erythritol und Xylitol gesundheitliche Risiken bergen.“ 

Stevia bislang ohne Risiken für das Herz-Kreislauf-System

Witkowski weist darauf hin, dass sich weitere Studien zu dem Thema derzeit im Peer-Review-Prozess befinden, die Veröffentlichung jedoch bevorstehe. Zusammengefasst haben die Untersuchungen eine gerinnungsfördernde Wirkung vieler Süßstoffe gefunden. Dies sei insbesondere für Risikopatienten, beispielsweise solche mit einem bekannten Diabetes mellitus oder einer Hypertonie, relevant. Häufig wollten sich diese Patienten bewusster ernähren und ihr Risiko für Herzinfarkte oder Schlaganfälle senken, doch bewirken sie mit Süßstoffen das genaue Gegenteil. Ein Lichtblick: Für Stevia zeigten die Untersuchungen bislang kein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko. 

Empfehlenswerter sei es allerdings, den Konsum von Zucker und Süßstoffen generell zu reduzieren. Gegen ein Stück Kuchen am Wochenende hin und wieder sei nichts einzuwenden. Den Kuchen würde Witkowski jedoch lieber mit Zucker backen - die eingesetzte Menge von 50 bis über 100 Gramm Zuckerersatz in Backwaren sei gesundheitlich nicht unbedenklich, lautet das abschließende Fazit des Internisten.

Die 92. Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Kardiologie findet vom 08. bis 11. April in Mannheim statt.

Originalpublikationen:

Witkowski, M., Nemet, I., Alamri, H. et al. The artificial sweetener erythritol and cardiovascular event risk. Nat Med 29, 710–718 (2023). https://doi.org/10.1038/s41591-023-02223-9

Witkowski M, Nemet I, Li XS, Wilcox J, Ferrell M, Alamri H, Gupta N, Wang Z, Tang WHW, Hazen SL. Xylitol is prothrombotic and associated with cardiovascular risk. Eur Heart J. 2024 Jul 12;45(27):2439-2452. doi: 10.1093/eurheartj/ehae244. 

 

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