ESC 2025

Kindliches Übergewicht: „Kalorienrestriktion ist von gestern!“

Kinder mit Adipositas dürfen nicht hungern. Das erklärte der Pädiater Dr. Jens-Christian Holm auf dem ESC 2025 und stellte das von ihm entwickelte Holbæk-Modell zur Gewichtsreduktion bei Kindern und Jugendlichen vor. In Dänemark zeigt es lang anhaltenden Gewichtsverlust und eine Verbesserung vieler Risikofaktoren - auch bei den Eltern. 

©yuriygolub/stock.adobe.com Kindern und Jugendlichen nicht zu viel Ungesundes bieten, sie aber auch nicht hungern lassen. Das ist eines der Grundprinzipien des dänischen Modells (Symbolbild).

„Der BMI ist von gestern und Kalorienrestriktion ist ebenfalls von gestern“, wertete Dr. Jens-Christian Holm aus Kopenhagen die oft verzweifelten Bemühungen, Kinder und Jugendliche mit Adipositas zum Abnehmen zu bewegen. „Das fördert nur ein physiologisches System von Fetterhaltung im Körper“. 

„Wir müssen, wenn wir Adipositas bekämpfen möchten, zuerst die zugrunde liegenden neuroendokrinen Regulationsmechanismen verstehen“, erklärte Holm zu Beginn seines Vortrags. Er vergleicht anschaulich das Leben von verschiedenen Tieren der russischen Taiga: Tiere, die keinen Winterschlaf machen oder in den Süden fliegen können, sterben im Winter ohne ausreichend Futter. In Anbetracht des Winters oder einer drohenden Hungersnot legen die Tiere große Fettdepots an - für schlechte Zeiten. 

Eine Studie bestätigt dies eindrücklich an Mäusen: Eine Maus bekam ausreichend Futter, die andere nur fünf Prozent weniger - dennoch setzte die „hungernde“ Maus 40 Prozent der Fettmasse an. Sogenannte ob/ob-Mäuse, die speziell gezüchtet wurden, um Übergewicht und Diabetes mellitus zu studieren, essen exzessiv über viele Stunden am Tag. Gab man diesen Mäusen in einer anderen Untersuchung kalorienreduzierte Kost, verloren sie zwar an Gewicht, doch der Anteil der Fettmasse blieb gleich. 

Die Studien zeigen eindrücklich, so Holm, dass Fettgewebe vom Körper aktiv erhalten wird, was auch den „Jojo-Effekt“ erklärte. Der Pädiater gründete im Jahr 2007 die The Children's Obesity Clinic in Kopenhagen und rief im Jahr 2010 die Holbæk-Studie ins Leben. 

243 Komplikationen von Adipositas

Die Zahlen zu Übergewicht und Adipositas scheinen in der Zukunft noch weiter anzusteigen, warnte Holm. „Wir haben in der Studie 243 Komplikationen von Adipositas gefunden.“

Die Studie schloss insgesamt etwa 8000 Kinder ein, davon hatten 2000 Adipositas und 2000 gehörten der Kontrollgruppe an. Die Kinder wurden umfassend untersucht, inklusive DEXA-Scans zur Abschätzung der Fettmasse, und genetischen Analysen. Ferner wurden Fragebögen zur Ernährung, körperlicher Aktivität und sozialem Umfeld ausgewertet, um sich ein umfassendes Bild über die kindliche Adipositas zu machen. Die Studie wurde 2022 beendet. 

Eine ganze Reihe von Komplikationen erfassten die Forschenden:

  • 75 % der Kinder und Jugendliche mit Adipositas hatten ein geringes Selbstbewusstsein oder eine niedrige Lebensqualität
  • 82 % litten unter einer Essstörung
  • 50 % hatten bereits Bluthochdruck und 28 Prozent eine Dyslipidämie
  • 60 % zeigten ein Vitamin-D-Defizit auf
  • 14 % zeigten Anzeichen eines Prädiabetes
  • 45 % litten unter Schlaf-Apnoe
  • 38 % hatten eine Fettleber

Holm zeigte sich überzeugt: „Mithilfe des Holbæk-Modells sind wir in der Lage, bei 75 Prozent der Kinder den Schweregrad von Übergewicht zu reduzieren.“ Damit könnten auch die Komorbiditäten wie Dyslipidämien und Hypertonie gemindert werden. Ferner verbesserten sich die Gemütslage, das Selbstbild und die Lebensqualität, auch der Appetit sei reduziert.

Training in wenigen Stunden online

Aber wie funktioniert das Modell? Insbesondere zielt es aus oben genannten Gründen der „Fettreservenerhaltung“ darauf ab, Kinder nicht hungern zu lassen. Sehr regelmäßige, ausgewogene Mahlzeiten (Frühstück, Mittagessen, Nachmittag und Abendessen) sollen verhindern, dass dieses System „provoziert wird“. Süßigkeiten gibt es nur einmal in der Woche, die Bildschirmzeit wird auf zwei Stunden pro Tage reduziert und darf erst nach 17 Uhr eingelöst werden. Daneben sei regelmäßige Bewegung wichtig und speziell auch das soziale Umfeld. „Wir müssen uns bewusst machen, was Kinder tagtäglich erleben und durchmachen und darauf eingehen“, forderte der Mediziner. 

Insgesamt gibt es etwa 100 Regeln, von denen allerdings 14 bis 22 für die jeweiligen Kinder und ihre Familien maßgeschneidert ausgewählt werden.

Bei 71 bis 85 Prozent der Kindern BMI-Reduktion

Mithilfe von wenigen Online-Sitzungen mit fachkundigen Beraterinnen und Beratern konnte Holms zufolge mit zwei Konsultationen bei 71 Prozent der Kinder der BMI reduziert werden. Nahmen die Kinder und Jugendlichen an fünf Konsultationen teil, waren es 85 Prozent. Auch das Lipidprofil besserte sich deutlich.

Und obwohl Adipositas als chronische Erkrankung eine kontinuierliche Therapie erfordere - „Wenn Sie Asthma haben und setzen die Medikamente ab, kommt Asthma auch wieder zurück!“ - zeigte sich der BMI in bisher noch nicht veröffentlichten Daten stabil, so Holm. Sogar die fettfreie Körpermasse haben in vielen Fällen über die Jahre zugenommen. 

Einhalten der Regeln ein Leben lang

Holm erhielt im Jahr 2022 einen Award der World Obesity Europe für das beste Schulungsprogramm, und dänische Zeitungen titelten: „Das dänische Modell funktioniert: Drei von vier Kindern nehmen ab und halten ihr Gewicht.“

Man müsse sich bewusst machen, dass diese Regeln ein Leben lang eingehalten werden, so Holms. Nicht nur die Kinder profitieren davon: Interessanterweise hatten mit den Verhaltensänderungen auch die Eltern an Gewicht verloren. 

 

Studien zu Holbæk-Modell (Auswahl): 

Frithioff-Bøjsøe C, Lund MAV, Lausten-Thomsen U, Fonvig CE, Lankjær IOJ, Hansen T, Hansen T, Baker JL, Holm JC. Early detection of childhood overweight and related complications in a Danish population-based cohort aged 2-8 years. Obes Res Clin Pract. 2022 May-Jun;16(3):228-234.
doi: 10.1016/j.orcp.2022.04.001. Epub 2022 May 3. PMID: 35514021.

Stinson SE, Kromann Reim P, Lund MAV, Lausten-Thomsen U, Aas Holm L, Huang Y, Brøns C, Vaag A, Thiele M, Krag A, Fonvig CE, Grarup N, Pedersen O, Christiansen M, Ängquist L, Sørensen TIA, Holm JC, Hansen T. The interplay between birth weight and obesity in determining childhood and adolescent cardiometabolic risk. EBioMedicine. 2024 Jul;105:105205. doi: 10.1016/j.ebiom.2024.105205. Epub 2024 Jun 24. PMID: 38918147; PMCID: PMC11293585.

 

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