Riskanter Alkoholkonsum millionenfach geklickt
Alkoholeinläufe, „Eyeballing“ und alkoholgetränkte Tampons: Wenn Sie von diesen Praktiken noch nichts gehört haben und ein Glas Wein auf herkömmlichem Wege bevorzugen, sind Sie vermutlich einschlägigen YouTube-Videos noch nicht begegnet. Für die Gesundheit ist das auch besser so, wie eine aktuelle Studie nun erörtert.
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Kein harmloser Partygag: Die extrem schnell aufgenommene Menge Alkohol kann es zu einer Alkoholvergiftung kommen (Symbolbild).
Riskanter Alkoholkonsum in jungen Jahren ist ein großes Problem für die öffentliche Gesundheit, da er weltweit wesentlich zu Verletzungen, Behinderungen und vorzeitigem Tod beiträgt. Im Alter von 15 bis 29 Jahren ist Alkohol führender Risikofaktor für Morbidität und Mortalität – insbesondere bei gefährlichen Formen des Konsums.
Diese sind auf YouTube weit verbreitet und erreichen ein Millionenpublikum, häufig ohne Warnhinweise, wissenschaftlich korrekte Informationen oder schadensminimierende Botschaften. Darauf weist eine retrospektive Inhaltsanalyse hin, in der Forschende populäre YouTube-Videos zu riskantem Alkoholkonsum systematisch ausgewertet haben. Publiziert wurde die Analyse auf der Plattform Cureus.
YouTube-Videos ausgewertet und wissenschaftliche Belastbarkeit geprüft
Für die Untersuchung analysierte das Team zwischen Januar und März 2025 insgesamt 278 Videos, die mithilfe von 48 Suchbegriffen zu gefährlichem Alkoholkonsum identifiziert worden waren. Im Mittelpunkt standen sowohl die dargestellten Konsumpraktiken als auch Reichweite, Interaktionsraten und die Qualität der vermittelten Informationen. Zusätzlich bewerteten die Forschenden die wissenschaftliche Belastbarkeit alkoholbezogener Aussagen mithilfe etablierter Qualitätsinstrumente wie dem Global Quality Score (GQS) und einer modifizierten DISCERN-Skala. Zwei Fachärzte für klinische Toxikologie prüften außerdem explizite wissenschaftliche Aussagen auf ihre Vereinbarkeit mit publizierter toxikologischer Literatur.
Alkohol inhaliert, ins Auge getropft oder als Einlauf
Die Auswertung zeigte ein breites Spektrum riskanter Konsumformen. Insgesamt wurden 15 unterschiedliche Methoden identifiziert, von denen die meisten die vorab definierten Kriterien eines gefährlichen Alkoholkonsums erfüllten. Dazu gehörten unter anderem Alkoholinhalation, Alkoholeinläufe („alcohol enemas“), sogenanntes „vodka eyeballing“ mit direktem Einbringen von Alkohol ins Auge, „drunkorexia“ – also die Kombination aus restriktivem Essverhalten und exzessivem Trinken – Trinken mithilfe eines Trichters, der Konsum von Händedesinfektionsmitteln, alkoholgetränkte Tampons und weitere Varianten.
Keine Warnungen und falsche Ratschläge
Trotz des teils erheblichen Gefährdungspotenzials enthielten nur drei Videos (1,1 %) explizite Triggerwarnungen oder Hinweise auf Risiken des Konsums. Insgesamt wurden die analysierten Videos rund 75 Millionen Mal angesehen; im Mittel erreichte jedes Video knapp 270.000 Aufrufe. Zusätzlich verzeichneten die Inhalte zusammen etwa fünf Millionen Likes und erhielten ermutigende oder Bewunderung ausdrückende Kommentare: „Das möchte ich auch ausprobieren!“, „Großartig“.
In den Videos traten insgesamt 722 Personen auf oder waren als Beobachtende sichtbar. Nach Einschätzung der Forschenden handelte es sich überwiegend um männliche, weiße junge Erwachsene im Alter zwischen 21 und 25 Jahren.
Besonders kritisch fiel die Bewertung der inhaltlichen Qualität aus. Häufig wurden Risiken verharmlost oder falsche Vorstellungen zu „Detox“-Strategien, Stoffwechsel oder vermeintlich sicheren alternativen Konsumwegen verbreitet. Tipps zum Umgang mit Alkohol lauteten beispielsweise, dass Alkohol via Inhalation oder Einlauf weniger toxisch seien, da die „Leber umgangen werde“. Auch werde der Magen nicht belastet und man vermeide unnötige Kalorienaufnahme.
Sowohl der mediane GQS als auch die Zuverlässigkeitsbewertung lagen bei lediglich 1 Punkt und damit im niedrigsten Qualitätsbereich. Die große Mehrheit der wissenschaftlichen Aussagen in informationsorientierten Videos erwies sich zudem als nicht belastbar: 78,7 Prozent der überprüften Behauptungen widersprachen publizierten toxikologischen Erkenntnissen.
Auch Ärzte sollten nach Konsum fragen
Nach Einschätzung der Autoren schaffen Plattformen wie YouTube damit ein Umfeld, in dem riskanter Alkoholkonsum normalisiert oder sogar attraktiv dargestellt werden könnte – insbesondere für Jugendliche und junge Erwachsene. Gleichzeitig sehen die Forschenden soziale Plattformen aber auch als möglichen Ansatzpunkt für Prävention. Denkbar seien gezielte Gegenbotschaften, jugendgerechte Inhalte oder digitale Kurzinterventionen direkt in sozialen Medien. Auch Ärzte könnten künftig gezielt nach dem Konsum alkoholbezogener Onlineinhalte fragen, etwa bei riskantem Trinkverhalten oder Fehleinschätzungen zu Alkoholrisiken, schlagen die Wissenschaftler abschließend vor.
Originalpublikation:
Bartkowiak C N, Dean L, King D, et al. (May 10, 2026) Hazardous Alcohol Consumption Depicted in YouTube Videos: A Content Analysis. Cureus 18(5): e108600. doi:10.7759/cureus.108600