Demenzrisiko zeigt sich bereits bei jungen Erwachsenen
Demenzen zählen zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen alternder Gesellschaften. Doch nicht nur ältere Menschen haben Risikofaktoren, die beachtet werden sollten. Schon bei Menschen unter 40 Jahren kann ein etablierter Demenz-Index das Risiko für den kognitiven Verfall anzeigen.
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Die Art der Risikofaktoren ändert sich mit zunehmendem Alter, haben aber schon früh Einfluss auf die Kognition (Symbolbild).
Demenzen zählen zu den größten gesundheitlichen Herausforderungen alternder Gesellschaften. Nach aktuellen Schätzungen könnten jedoch bis zu 45 Prozent aller Demenzfälle theoretisch verhindert oder hinausgezögert werden, wenn bekannte beeinflussbare Risikofaktoren konsequent reduziert würden. Zu diesen Faktoren gehören unter anderem geringe Bildung in frühen Lebensjahren, Hörverlust, Schädel-Hirn-Traumata, Bluthochdruck, Diabetes, erhöhte Cholesterinwerte, übermäßiger Alkoholkonsum, Bewegungsmangel, Depressionen, Rauchen, Adipositas, soziale Isolation, Luftverschmutzung und unbehandelte Sehbeeinträchtigungen.
Zur Erfassung solcher veränderbarer Risikofaktoren wurde der Lifestyle for Brain Health (LIBRA)-Index entwickelt. Der Index fasst verschiedene Risiko- und Schutzfaktoren zu einem Gesamtscore zusammen.
Für eine aktuelle Studie wertete ein Forschungsteam nun Daten von knapp 150.000 Personen zwischen 20 und 75 Jahren der bevölkerungsbasierten Gesundheitsstudie NAKO aus und analysierte deren Risiko für eine spätere Demenz. Die Ergebnisse erschienen in der Fachzeitschrift Alzheimer's & Dementia. Für jede Person berechneten die Wissenschaftler den LIBRA-Index.
Zusammenhang bereits in jungen Jahren
Die Auswertung zeigte einen klaren Zusammenhang: Höhere LIBRA-Werte und damit ein erhöhtes Demenzrisiko waren in allen Altersgruppen mit einer geringeren kognitiven Leistungsfähigkeit verbunden. Besonders bemerkenswert war, dass dieser Zusammenhang bereits bei jungen Erwachsenen nachweisbar war. Damit deuten die Ergebnisse darauf hin, dass Faktoren, die das Demenzrisiko erhöhen, möglicherweise schon Jahrzehnte vor dem typischen Erkrankungsalter Auswirkungen auf die Gehirnfunktion haben.
Die Art der Risikofaktoren änderte sich jedoch mit zunehmendem Alter: Jüngere Erwachsene waren häufiger von verhaltensbezogenen und psychosozialen Belastungen betroffen. Dazu gehörten insbesondere Rauchen, körperliche Inaktivität und depressive Symptome. Bei älteren Erwachsenen dominierten dagegen klassische kardiovaskuläre Risikofaktoren wie arterielle Hypertonie, koronare Herzkrankheit und erhöhte Cholesterinwerte.
Darüber hinaus identifizierten die Forschenden deutliche soziale Ungleichheiten. Menschen mit niedrigerem sozioökonomischem Status wiesen insgesamt ungünstigere LIBRA-Werte auf als Personen mit besseren sozialen und wirtschaftlichen Voraussetzungen. Und auch zwischen den Geschlechtern zeigten sich Unterschiede: Männer hatten im Durchschnitt mehr beeinflussbare Demenzrisikofaktoren als Frauen. Gleichzeitig erwiesen sich die Zusammenhänge zwischen erhöhtem Demenzrisiko und schlechterer kognitiver Leistung besonders bei Frauen mit niedrigem sozioökonomischem Status als ausgeprägt.
Etablierter Risikoindex auch für Jüngere geeignet
Wissenschaftlich schließen die Ergebnisse eine wichtige Forschungslücke. Der LIBRA-Index wurde bislang vor allem für Menschen ab 40 Jahren untersucht. Die aktuelle Analyse deutet nun darauf hin, dass das Instrument auch bei jüngeren Erwachsenen aussagekräftig sein könnte. Die Forschenden plädieren deshalb dafür, Demenzprävention stärker als lebenslangen Prozess zu betrachten und Risikofaktoren bereits in jungen Jahren gezielt zu adressieren.
„Es wird deutlich, dass sich die Art der Risikofaktoren für Demenz über die Lebensspanne verändert. Die Risikoreduktion sollte nicht erst mit 40 oder 60 Jahren beginnen, sondern schon im jungen Erwachsenenalter ansetzen“, wird Prof. Steffi G. Riedel-Heller, Direktorin des Instituts für Sozialmedizin, Arbeitsmedizin und Public Health (ISAP), die Ergebnisse in einer Mitteilung der Universität Leipzig zitiert. Die Ergebnisse unterstreichen außerdem die Bedeutung früher Prävention und legen nahe, dass Maßnahmen zur Förderung von Bewegung, psychischer Gesundheit und einem gesunden Lebensstil deutlich früher ansetzen sollten als bisher.
Originalpublikation:
Susanne Röhr, Felix Wittmann, Melanie Luppa, Sebastian Köhler, Kay Deckers, Colin Rosenau, Philine Betker, Patricia Bohmann, Hermann Brenner, Agnes Flöel, Jana-Kristin Heise, Associations of the Lifestyle for Brain Health (LIBRA) index with cognitive functioning across adulthood: Variation by sex and socioeconomic status in the German National Cohort (NAKO), Alzheimer's & Dementia First published: 18 May 2026, https://doi.org/10.1002/alz.71477