Syrischer Arzt über AfD-Wahlsieg in Sachsen-Anhalt

„Die Versorgung hier würde komplett zusammenbrechen“

Geht es nach der AfD, soll Sachsen-Anhalt seinen Ärztebedarf künftig ohne ausländische Ärzte decken können. So proklamiert es die Partei, die vor vier Wochen die Landtagswahl gewonnen hat, in ihrem „Regierungsprogramm“. Der syrische Arzt Dr. Salah Layka, der seit gut zwei Jahren in Sachsen-Anhalt lebt und arbeitet, hat für solche Pläne nur Kopfschütteln übrig. „Völlig realitätsfern“, kommentiert er. Wie es ihm angesichts des Wahlsiegs einer rechtsextremen Partei in seinem Bundesland geht, darüber sprach der änd mit dem Neurochirurgen.

©privat Layka: „Wir sind hochqualifizierte Ärzte, wir finden überall Arbeit.“

Eigentlich betrachte er die Situation recht entspannt, sagt Dr. Salah Layka. Vor 17 Jahren kam der syrische Arzt nach Deutschland, seit gut zwei Jahren lebt und arbeitet der Neurochirurg in Sachsen-Anhalt, einem Bundesland, in dem vor vier Wochen mit der AfD eine rechtsextreme und ausländerfeindliche Partei haushoch die Wahl gewonnen hat. Eine Partei also, in deren Wahlprogramm an etlichen Stellen geschrieben steht, sei es wortwörtlich oder zwischen den Zeilen, dass sie ausländische Ärzte ablehnt, sie als minderwertig ansieht.

Layka, der die neurochirurgische Abteilung des Harzklinikums in Quedlinburg leitet, bezeichnet sich selbst als eher unpolitisch – oder zumindest „nicht politisch engagiert“. Dass die AfD in Sachsen-Anhalt die Wahl gewonnen habe, sei Demokratie, das müsse man erst einmal so akzeptieren.

Noch nie Diskriminierung erlebt

Seine – zurzeit noch – entspannte Haltung angesichts des Wahlergebnisses erklärt der gebürtige Syrer, der bereits seit vielen Jahren auch die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt, folgendermaßen: Er selbst habe aufgrund seiner Herkunft noch nie Erfahrung mit Diskriminierung gemacht. „Ich habe noch nie erlebt, dass ein Patient mich wegen meiner syrischen Herkunft angefeindet hat“, sagt Layka. Und setzt dann nach: „Das mag aber vielleicht auch daran liegen, dass ich nicht wie ein typischer Araber aussehe, gut Deutsch spreche, sehr gut integriert und als Arzt hochqualifiziert bin.“

Und dennoch fühlt sich der Neurochirurg momentan berufen, sich öffentlich zum Wahlsieg der AfD in Sachsen-Anhalt zu äußern. Das hier sei schon sein achtes Interview zum Thema, verrät der Chefarzt. Er hat also ein Sendungsbewusstsein – zum einen, weil er die Ideologie der Partei komplett ablehnt. „Ich bin gegen jegliche Art von Diskriminierung“, betont Layka. Zum anderen, weil er die gesundheitspolitischen Pläne der AfD Sachsen-Anhalt für „völlig realitätsfern“ hält.

An dieser Stelle ein kurzer Exkurs ins Wahlprogramm der Partei: In diesem steht, Ärzte aus dem Ausland (die AfD nennt sie „Importärzte“) seien „wegen der Sprachbarriere und kultureller Differenzen oft kaum geeignet, unsere Bürger richtig zu behandeln“. Außerdem sei die Qualifikation bei ausländischen Abschlüssen „oft eine zweifelhafte oder schwer einschätzbare“. Die Partei will folglich „alles dafür tun, künftig nicht mehr auf ausländische Ärzte angewiesen zu sein“.

Layka würde Siegmund gern etwas fragen

Neurochirurg Layka hat für solche Pläne nur Kopfschütteln übrig. „Wenn man alle ausländischen Ärztinnen und Ärzte des Landes verweisen würde, würde die Versorgung hier in Sachsen-Anhalt komplett zusammenbrechen.“ Und mit Blick auf die Behauptung, ausländische Ärzte könnten die Menschen nicht richtig behandeln und hätten zweifelhafte Abschlüsse, würde er den Spitzen- und Ministerpräsidenten-Kandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, gern einmal fragen: „Glauben Sie eigentlich, dass Sie qualifiziert sind, die Qualifikation der ausländischen Ärztinnen und Ärzte, die hier arbeiten, beurteilen zu können? Denken Sie wirklich, dass Sie dafür mehr Expertise haben als die hochqualifizierten Kolleginnen und Kollegen der Ärztekammer?“ Insofern sei das, was da im Wahlprogramm stehe, nicht ernst zu nehmen, meint Layka.

Im Übrigen seien die Fachsprachenprüfungen für ausländische Ärztinnen und Ärzte in Sachsen-Anhalt sehr streng. „Und das ist auch gut so“, sagt der Arzt aus Syrien. Jemand, der nicht gut Deutsch spreche, könne die nicht bestehen. „Viele Kolleginnen und Kollegen fallen da durch. Ich bezweifle sogar, dass alle deutschen Ärztinnen und Ärzte bei so einer Prüfung die volle Punktzahl erreichen würden“, sagt Layka.

Kolleginnen und Kollegen berichten von Diskriminierung

Während er selbst bislang keine Diskriminierungserfahrungen aufgrund seiner Herkunft gemacht hat, kennt der syrische Arzt durchaus ausländische Kollegen, die solche Situationen erlebt haben. Einer der betroffenen Ärzte, der eine unangenehme Begegnung dieser Art mit einem Patienten hatte, fragte ihn danach um Rat. Der Kollege sei sehr verunsichert gewesen, gefragt, erzählt Layka. Und er kenne auch Kolleginnen und Kollegen, die nun, nach dem Wahlsieg der AfD, tatsächlich in Erwägung zögen, Sachsen-Anhalt zu verlassen.

Er selbst, sagt Layka, denke zurzeit nicht ernsthaft darüber nach wegzugehen. Ausschließen will er eine solche Möglichkeit jedoch nicht. Wenn sich die politische Situation in Sachsen-Anhalt zuspitze und er sich nicht mehr wohlfühle, könne auch er sich vorstellen, das Bundesland zu verlassen, sagt der Neurochirurg. „Man weiß nicht, ob und wie sich das gesellschaftliche Klima demnächst ändern wird.“

Letztlich seien dann aber nicht er oder seine ausländischen Kolleginnen und Kollegen die Leidtragenden. „Wir sind hochqualifizierte Ärzte, wir finden überall Arbeit“, betont Layka. Ein Problem habe dann die Bevölkerung in Sachsen-Anhalt. „Es gibt jetzt schon einen starken Ärztemangel hier, sowohl im ambulanten als auch im stationären Bereich. Wenn die ausländischen Ärztinnen und Ärzte das Land verlassen würden, dann wäre eine gute, wohnortnahe Versorgung hier nicht mehr möglich.“
 

Dr. Salah Laykas Weg nach Sachsen-Anhalt

Dr. Salah Layka (46) studierte in Syrien Medizin und machte dort seinen Facharzt für Allgemeinchirurgie. Anschließend ging er nach Deutschland mit dem Ziel, dort den Facharzttitel für Neurochirurgie zu erwerben und danach in sein Heimatland zurückzukehren, in die Hafenstadt Latakia am Mittelmeer.

Es kam allerdings anders: In Deutschland machte Layka zunächst seinen Facharzt für Viszeralchirurgie und anschließend – wie geplant – den Facharzt für Neurochirurgie. Jedoch ging der nicht zurück nach Syrien, denn dort war inzwischen Krieg ausgebrochen. Außerdem hatte der Arzt mittlerweile eine deutsche Frau kennengelernt und mit ihr eine Tochter bekommen. Ein weiterer Grund zu bleiben.

Nach weniger als sechs Jahren wurde Lakya eingebürgert, weil er mit seinen zwei Facharzttiteln als hochqualifiziert galt. Seine syrische Staatsangehörigkeit durfte er behalten.

Um seine neurochirurgischen Schwerpunkte zu erreichen, durchlief Layka mehrere Stationen in verschiedenen Bundesländern: Am Universitätsklinikum Kiel erlernte er die Wirbelsäulenchirurgie, danach am Klinikum Bremen die Hirntumorchirurgie und vaskuläre Neurochirurgie. Anschließend folgte eine Station als Leiter des Wirbelsäulenzentrums des Städtischen Klinikums in Braunschweig. Seit gut zwei Jahren leitet Layka die damals neu gegründete neurochirurgische Abteilung des Harzklinikums in Quedlinburg in Sachsen-Anhalt. 

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