Fallbericht

Pulssynchroner Tinnitus durch seltene Gefäßanomalie

Ein 39-jähriger Mann – U-Bahn-Mitarbeiter und ständigem Lärm ausgesetzt – stellt sich in einer HNO-Ambulanz vor, weil sein Hörvermögen schwindet. Gleichzeitig leidet er unter einem ausgeprägten Tinnitus. Dieser hat mit der Bahn jedoch nichts zu tun.

©Medienzunft Berlin/stock.adobe.com Ob der Bahnarbeiter seine Ohren schützte, geht aus dem Fallbericht nicht hervor. Die Gefäßanomalien führen aber in der Regel nicht zur Schwerhörigkeit (Symbolbild).

Der Mann beklagt eine zunehmende beidseitige Schwerhörigkeit (Originalabbildung) und einen linksseitigen pulssynchronen Tinnitus. Dieser lässt sich nicht durch verschiedene Manöver, wie etwa Valsalva oder Karotiskompression, beeinflussen. Anamnestisch besteht eine regelmäßige Lärmbelastung durch seine Tätigkeit als U-Bahn-Mitarbeiter, berichten die Autoren des Fallberichts aus Portugal auf der Plattform Cureus. 

Raumforderung im Mittelohr

Bei der otoskopischen Untersuchung fällt links eine pulsierende retrotympanale Raumforderung auf. Zusätzlich zeigen sich ein posterosuperior atrophisches, schlaffes Trommelfell sowie eine kleine Perforation. Zur weiteren Abklärung veranlassen die Ärzte eine Computertomografie des Felsenbeins und eine CT-Angiografie.

Die CT des Felsenbeins zeigt links eine knöcherne Dehiszenz des Karotiskanals im Bereich des Hypotympanons (Originalabbildung). Dadurch wölbt sich die Arteria carotis interna (ACI) über den Boden der Paukenhöhle vor und drückt gegen das Trommelfell. Zusätzlich ist das effektive Gefäßlumen der linken ACI auf dieser Höhe fokal verengt. Die Angiografie bestätigt die Dehiszenz und weist eine weitere Auffälligkeit nach: Im proximalen Segment der linken ACI besteht eine Stenose mit einem minimalen Durchmesser von etwa drei Millimetern. Eine intra- oder extraluminale Ursache für die Einengung lässt sich nicht erkennen, sodass die Autoren daher eine angeborene Hypoplasie beziehungsweise Kaliberreduktion vermuten.

A. carotis externa fehlt links vollständig

Als Nebenbefund ergibt sich in der CT-Angiografie der Verdacht auf eine fehlende linke Arteria carotis externa (ACE). Die Gefäßaufzweigung der linken Arteria carotis communis ist nicht regelrecht erkennbar – stattdessen entspringen die A. facialis und die A. maxillaris, die normalerweise Äste der ACE sind, direkt aus der ACI. Eine ergänzende MR-Angiografie mit zeitaufgelösten Sequenzen bestätigt schließlich das vollständige angeborene Fehlen der linken ACE und das abweichende Abgangsmuster ihrer typischen Äste aus der ACI.

Verlaufskontrolle statt operativer Therapie

Angesichts der komplexen Gefäßanomalien entscheiden sich die behandelnden Ärzte wegen der damit verbundenen Operationsrisiken und der geringen Einschränkung der Lebensqualität durch den Tinnitus für ein konservatives Vorgehen. Es erfolgt eine Verlaufskontrolle mit besonderem Augenmerk auf kardiovaskuläre Risikofaktoren. Eine erneute CT-Angiografie sechs Monate nach der Erstdiagnose zeigt keine zusätzlichen Veränderungen.

Hintergrund: Seltene Karotisvarianten als Ursache eines pulssynchronen Tinnitus

Der Fallbericht beschreibt eine seltene Ursache eines pulssynchronen Ohrgeräusches: eine Dehiszenz im Mittelohr mit Verlagerung der Karotis-Arterie. 

Bei einer retrotympanalen Raumforderung gilt die hochauflösende CT des Felsenbeins als bevorzugtes bildgebendes Verfahren. Sie ermöglicht eine genaue Beurteilung der anatomischen Beziehungen zwischen Paukenhöhle und benachbarten Gefäßstrukturen, insbesondere der ACI und des Bulbus der Vena jugularis interna. Eine MRT beziehungsweise MR-Angiografie kann knöcherne Dehiszenzen dagegen nicht zuverlässig darstellen.

Die Differenzialdiagnose umfasst unter anderem Cholesteringranulome, tympanale oder jugulotympanale Paragangliome, einen dehiszenten Jugularbulbus sowie Meningeome und Meningoenzephalozelen. Eine präzise Bildgebung vor einem operativen Eingriff ist deshalb essenziell, um gefährliche Komplikationen durch eine irrtümliche Behandlung der Gefäßanomalie als Mittelohrerkrankung zu vermeiden, warnen die Autoren.

Im Normalfall ist die Anomalie nicht mit einer Hörminderung assoziiert. Im beschriebenen Fall ist diese wohl eher auf die chronische Lärmbelastung zurückzuführen.

 

Originalpublikation:
Tim-Tim C, Pais J (October 28, 2026) Pulsatile Tinnitus Associated With a Rare Congenital Vascular Anomaly: A Case Report. Cureus 18(10): e118747. doi:10.7759/cureus.118747

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