Zucker in Schwangerschaft und Kindheit

Langfristige Spuren bis ins Erwachsenenalter

Wie stark prägt die Ernährung ganz am Anfang des Lebens die Gesundheit Jahrzehnte später? Eine historische Besonderheit in Großbritannien liefert nun Hinweise darauf, dass die Zuckerverfügbarkeit in Schwangerschaft und früher Kindheit langfristig eine Rolle spielen könnte.

©Zoran Jesic/stock.adobe.com Die Ernährung in Schwangerschaft und früher Kindheit könnte langfristig mit der psychischen Gesundheit zusammenhängen (Symbolbild).

Die ersten Lebensjahre gelten als sensible Phase für die körperliche und neurologische Entwicklung. Ob die Menge an Zucker, die während Schwangerschaft und früher Kindheit verfügbar ist, auch Jahrzehnte später mit der psychischen Gesundheit zusammenhängt, lässt sich in klassischen Ernährungsstudien jedoch kaum untersuchen.

Forschende nutzten deshalb eine historische Besonderheit: In Großbritannien war Zucker während und noch mehrere Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg rationiert. Je nach Geburtszeitpunkt erlebten Menschen also während Schwangerschaft und früher Kindheit unterschiedlich lange eine Zeit, in der Zucker nur begrenzt verfügbar war. Die Forschenden untersuchten, ob sich diese unterschiedlichen Zeiträume Jahrzehnte später in der psychischen Gesundheit widerspiegelten. Die Ergebnisse der Kohortenstudie wurden in Translational Psychiatry veröffentlicht.

„Es ist sehr unwahrscheinlich, dass es noch einmal einen vergleichbaren Datensatz geben wird, in dem so viele Menschen über längere Zeit keinem Zuckerüberschuss ausgesetzt waren und die Verfügbarkeit anschließend schrittweise zunahm“, erklärt Seniorautorin Nophar Geifman von der University of Surrey in einer Pressemitteilung der Universität.

Geburtszeitpunkt bestimmte die Dauer der Zuckerrationierung

Die Analyse umfasste 46.448 Teilnehmende der UK Biobank, die in den frühen 1950er-Jahren geboren worden waren. Anhand ihres Geburtszeitpunkts teilten die Forschenden sie danach ein, wie lange sie während Schwangerschaft und früher Kindheit noch in die Zeit der britischen Zuckerrationierung fielen.

Die Zuckerrationierung fiel je nach Gruppe unterschiedlich lange in Schwangerschaft und frühe Kindheit und umfasste Zeiträume von rund 270 bis etwa 1.000 Tagen. Zwei Vergleichsgruppen stammten aus der Zeit nach dem Ende der Zuckerrationierung. Auf diese Weise nutzten die Forschenden das historische Ende der Rationierung als eine Art natürliches Experiment. Insgesamt entfielen 37.229 Teilnehmende auf die Rationierungsgruppen und 9.219 auf die Vergleichsgruppen.

Angststörungen und Depressionen wurden anhand verknüpfter Daten aus hausärztlicher und stationärer Versorgung sowie Todesursachenregistern erfasst. Selbst berichtete Diagnosen gingen nicht in die Auswertung ein. Für einen Teil der Teilnehmenden lagen außerdem Angaben zum späteren Zuckerkonsum und zur Vorliebe für süße Lebensmittel vor, die mithilfe von Fragebögen erhoben wurden.

Längere Zuckerrationierung mit geringerem Erkrankungsrisiko verbunden

Während der durchschnittlich knapp 16-jährigen Nachbeobachtung wurden bei rund sechs Prozent der Teilnehmenden Angststörungen und bei knapp sieben Prozent Depressionen dokumentiert. Dabei zeigte sich ein Zusammenhang mit der Dauer der frühen Zuckerrationierung.

In den drei Gruppen, die etwa 635 bis 1.000 Tage von der Zuckerrationierung betroffen waren, lag das Risiko für Angststörungen niedriger als in der Vergleichsgruppe. Auch Depressionen wurden in diesen Gruppen seltener erfasst. Bei einer kürzeren Dauer von etwa 270 oder 425 Tagen bestand dagegen kein statistisch signifikanter Unterschied.

Späterer Zuckerkonsum unterschied sich kaum

Um zu prüfen, ob sich dieser Zusammenhang möglicherweise durch das spätere Ernährungsverhalten erklären ließ, bezogen die Forschenden auch den Zuckerkonsum im Erwachsenenalter ein. Für Angststörungen blieb die Assoziation bestehen, während sie sich bei Depressionen abschwächte. Die Autoren vermuten daher, dass der spätere Ernährungsstil hier einen Teil des Zusammenhangs erklären könnte.

Zwischen den Rationierungsgruppen selbst zeigte sich beim späteren Zuckerkonsum allerdings kaum ein Unterschied. Die Teilnehmenden, die in Schwangerschaft und früher Kindheit länger von der Rationierung betroffen gewesen waren, nahmen Jahrzehnte später nicht grundsätzlich weniger Zucker zu sich.

Auch bei der Vorliebe für süße Lebensmittel waren die Unterschiede insgesamt klein. Am deutlichsten zeigte sich eine geringere Süßpräferenz bei den Teilnehmenden mit der längsten Zuckerrationierung.

Andere Einflüsse lassen sich nicht ausschließen

Gerade der historische Ansatz eröffnet zwar die Möglichkeit, unterschiedlich lange Phasen der Zuckerrationierung miteinander zu vergleichen, setzt der Interpretation aber zugleich Grenzen. Die untersuchten Geburtsjahrgänge könnten sich nicht nur hinsichtlich der Zuckerrationierung unterschieden haben. Auch sozioökonomische Bedingungen, Infektionen, Veränderungen der Gesundheitsversorgung oder mütterlicher Stress kommen als Einflussfaktoren infrage.

Hinzu kommt, dass psychische Erkrankungen in früheren Jahrzehnten möglicherweise seltener erkannt und in den verfügbaren Gesundheitsdaten nur unvollständig erfasst wurden. Die Autoren betonen deshalb, dass die Ergebnisse als Zusammenhänge und nicht als Nachweis eines ursächlichen Effekts zu verstehen sind.

Dennoch liefern die Befunde Hinweise darauf, dass Ernährungsbedingungen in Schwangerschaft und früher Kindheit bis weit ins Erwachsenenalter nachwirken könnten. „Was wir gefunden haben, ist, dass eine Zuckerrationierung in der frühen Kindheit mit einer geringeren Vorliebe für Süßes und einem niedrigeren Risiko für Angststörungen verbunden war“, fasst Geifman zusammen. „Frühe Ernährungsbedingungen scheinen langfristig für die psychische Gesundheit relevant zu sein.“
 

Originalpublikation: Navratilova HF et al. Dietary sugar exposure in early life and risk of adult mental health disorders: UK Biobank cohort study. Translational Psychiatry. 2026. DOI: 10.1038/s41398-026-04376-w

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