„Es ist keine wissenschaftliche Frage, sondern eine moralische.“
Die Wissenschaft hat geliefert – jetzt droht die Politik den Erfolg zunichtezumachen. Mit dieser eindringlichen Botschaft eröffnete Dr. Raphael Landovitz von der UCLA seine Präsentation auf der Welt-AIDS-Konferenz 2026 in Rio de Janeiro und zeigte, was weltweit für uns alle auf dem Spiel steht.
©IAS - the International AIDS Society
Begleitet wird der AIDS-Kongress 2026 auch in diesem Jahr wieder von Protesten, ganz akut u. a. für mehr und vor allem gesichertes finanzielles Engagement zur weltweiten Eindämmung von HIV und AIDS. [Pressefoto]
Sein Fazit ist dabei unmissverständlich klar: Die Präexpositionsprophylaxe (PrEP) gehört zu den größten Erfolgen der modernen Medizin. Das größte Hindernis auf dem Weg zur Beendigung der HIV-Epidemie seien heute aber nicht mehr wissenschaftliche Fragen, sondern vielmehr politische Entscheidungen.
Erfolgsgeschichte der HIV-Prävention
„PrEP funktioniert. Punkt.“ Mit diesem bewusst zugespitzten Titel stellte Landovitz gleich zu Beginn klar, worum es ihm ging. Innerhalb von weniger als zehn Jahren habe sich die PrEP weltweit von einer Nischenstrategie zu einer millionenfach eingesetzten Präventionsmaßnahme entwickelt. Zusammen mit der hochwirksamen antiretroviralen Therapie und dem Prinzip „U = U“ – nicht nachweisbar bedeutet nicht übertragbar – habe sie die Zahl der HIV-Neuinfektionen deutlich sinken lassen.
Die wissenschaftliche Evidenz sei heute überwältigend. Zahlreiche Studien hätten gezeigt, dass sowohl die tägliche orale PrEP als auch moderne langwirksame Präparate einen hervorragenden Schutz vor einer HIV-Infektion bieten. Frühere Zweifel an der Wirksamkeit bei Frauen seien zudem rückblickend vor allem auf mangelnde Therapietreue und nicht auf biologische Unterschiede zurückzuführen.
Immer mehr Präventionsoptionen
Besonders eindrucksvoll zeichnete Landovitz die rasante Entwicklung der Präventionsstrategien nach. Neben der klassischen täglichen Tablette stehen inzwischen bedarfsorientierte Einnahmeschemata, Vaginalringe sowie langwirksame Cabotegravir-Injektionen zur Verfügung. Noch größere Erwartungen richteten sich indes auf Lenacapavir, das lediglich zweimal pro Jahr verabreicht werden müsse und in Studien nahezu vollständigen Schutz vor HIV bot.
Auch die Pipeline sei außergewöhnlich gut gefüllt. Wöchentlich einzunehmende Medikamente, noch länger wirksame Injektionen, topische Präparate, Mikronadelpflaster und neutralisierende Antikörper könnten die Auswahl künftig weiter vergrößern. Entscheidend sei dabei nicht, welche Methode die beste sei, sondern dass Menschen entsprechend ihrer Lebenssituation zwischen verschiedenen Optionen wählen könnten. Wahlfreiheit selbst sei ein wichtiger Erfolgsfaktor der Prävention, so der Infektiologe weiter.
Politische Einschnitte bedrohen den Fortschritt
Dem wissenschaftlichen Optimismus stellte Landovitz jedoch eine ernüchternde Realität gegenüber. Mit der Zerschlagung großer Teile von USAID, massiven Kürzungen des US-HIV-Programms PEPFAR sowie beispiellosen Einschnitten bei den National Institutes of Health (NIH) sei nicht nur die nationale, sondern ebenso die weltweite HIV-Prävention in eine schwere Krise geraten.
Bereits 2025 seien die internationalen HIV-Finanzierungen um 18 Prozent auf den niedrigsten Stand seit fast zwei Jahrzehnten gefallen. Kliniken mussten schließen, Lieferketten für Medikamente wurden unterbrochen und zahlreiche Präventionsprogramme eingestellt. Besonders alarmierend seien die bereits sichtbaren Folgen: In vielen Ländern gingen sowohl neue PrEP-Verordnungen als auch die Fortführung bestehender Behandlungen deutlich zurück.
Modellrechnungen zeigten überdies, dass ein dauerhaftes Ausbleiben der Finanzierung Millionen zusätzlicher HIV-Infektionen und HIV-bedingter Todesfälle nach sich ziehen könnte. „Das sind keine abstrakten Zahlen“, betonte Landovitz. Hinter jeder Kurve stünden Menschen, deren Infektion oder Tod vermeidbar gewesen wäre.
Diagnostik bleibt die Achillesferse
Mit den neuen langwirksamen Präparaten entstünden zugleich neue Herausforderungen. Werden Menschen nämlich trotz PrEP infiziert, können die Medikamente die Virusvermehrung zunächst unterdrücken und dadurch die HIV-Diagnose verzögern. Landovitz forderte deshalb dringend empfindlichere, weltweit verfügbare Schnelltests. Während innerhalb weniger Monate leistungsfähige COVID-19-Diagnostik entwickelt worden sei, habe sich die HIV-Diagnostik seit Jahrzehnten kaum weiterentwickelt.
Wissenschaft allein reicht nicht mehr
Zum Abschluss seiner Präsentation formulierte Landovitz noch einen eindringlichen Appell an die Politik und die internationale Gemeinschaft. Die wissenschaftlichen Werkzeuge zur Eindämmung der HIV-Epidemie seien vorhanden. Was fehle, seien ausreichende Finanzierung, politischer Wille, gerechte Preisgestaltung und ein verlässlicher Zugang zu den neuen Präventionsmethoden – insbesondere für Regionen mit der höchsten HIV-Belastung.
Sein Schlusswort brachte schließlich die zentrale Botschaft der Plenarrede auf den Punkt: „Was als Nächstes passiert, ist keine Frage, die die Wissenschaft beantworten kann. Es ist die Frage, ob wir entscheiden, dass diese Menschenleben die notwendigen Ressourcen wert sind. Und das ist keine wissenschaftliche Frage. Es ist eine moralische.“
Originalquelle: Landovitz R. PrEP works. In: The future of HIV prevention. AIDS 2026, Rio de Janeiro, Brazil