Fallbericht

Ein Gift mit vielen Gesichtern

Seit Wochen leidet ein zehnjähriger Junge unter heftigen Bauchschmerzen, Erbrechen und zunehmender Schwäche. Als plötzlich Sehstörungen und auffällige Verhaltensänderungen hinzukommen, führt die Diagnostik zunächst in eine seltene metabolische Richtung. Die tatsächliche Ursache findet sich schließlich zu Hause.

©Studio Romantic/stock.adobe.com Unspezifische gastrointestinale und neurologische Beschwerden können bei Kindern eine breite Differenzialdiagnostik erforderlich machen (Symbolbild).

Ein zuvor gesunder zehnjähriger Junge wird wegen seit mehr als zwei Monaten bestehender starker kolikartiger Bauchschmerzen, Obstipation und wiederholten Erbrechens an die Uniklinik RWTH Aachen überwiesen. Innerhalb von sechs Wochen hat er sieben Kilogramm Gewicht verloren, eine orale Nahrungsaufnahme ist kaum noch möglich. Über den Fall berichtet ein Team der RWTH Aachen in Frontiers in Pediatrics.

Zuvor hat der Junge wegen der Beschwerden mehrfach Ärzte aufgesucht. Diese werden zunächst als anhaltender Magen-Darm-Infekt eingeordnet. Auch eine diagnostische Laparoskopie bringt keine Erklärung für die Beschwerden.

Während des stationären Aufenthalts treten mehrmals täglich heftige Bauchschmerzattacken auf. Sie lassen sich selbst mit nichtsteroidalen Antirheumatika, Metamizol und Piritramid nicht vollständig kontrollieren. Zeitweise steigt der Blutdruck bis auf 155/115 mmHg. Hinzu kommen auffällige Verhaltens- und Persönlichkeitsveränderungen, sodass zwischenzeitlich auch eine psychiatrische Ursache erwogen wird. Eine kinder- und jugendpsychiatrische Untersuchung ergibt jedoch keinen Hinweis auf eine isolierte Somatisierungsstörung.

Anämie und neurologische Symptome führen auf eine neue Spur

Laborchemisch fallen leicht erhöhte Leberwerte sowie eine ausgeprägte hypochrome mikrozytäre Anämie auf. Der niedrigste Hämoglobinwert beträgt 6,4 g/dl, sodass einmalig eine Bluttransfusion erforderlich wird. Röntgen-, Ultraschall- und Magnetresonanztomografie des Abdomens bleiben ohne wegweisenden Befund.

Drei Tage nach Aufnahme entwickelt der Junge zusätzlich Kopfschmerzen und Sehstörungen bis hin zu vorübergehend angegebener Blindheit. Die kranielle Magnetresonanztomografie zeigt parieto-okzipitale Veränderungen, die mit einem posterioren reversiblen Enzephalopathie-Syndrom vereinbar sind. Wegen der zunächst ebenfalls erwogenen Autoimmunenzephalitis erhält der Patient Immunglobuline, entsprechende Autoantikörper lassen sich im weiteren Verlauf jedoch nicht nachweisen.

Die Kombination aus abdominalen Beschwerden, neurologischen Symptomen und Verhaltensveränderungen lenkt den Verdacht schließlich auf eine Porphyrie. Tatsächlich zeigt die Untersuchung des Porphyrinstoffwechsels eine deutlich erhöhte Delta-Aminolävulinsäure. Zusätzlich finden sich eine basophile Tüpfelung der Erythrozyten, nach Lichtexposition dunkel verfärbter Urin und eine Verfärbung des Zahnfleischsaums.

Der Porphyrieverdacht führt zur eigentlichen Diagnose

Das biochemische Muster passt zunächst zu einer äußerst seltenen Delta-Aminolävulinsäure-Dehydratase-Mangel-Porphyrie. Allerdings kann auch Blei dieses Enzym hemmen und dadurch eine ähnliche Konstellation hervorrufen.

Die Ärzte bestimmen deshalb die Bleikonzentration in Blut und Urin. Diese liegt im Blut bei rund 581 µg/l und damit mehr als 25-mal so hoch wie der für Jungen dieser Altersgruppe angegebene Referenzwert von 22 µg/l. Auch im Urin finden sich hohe Konzentrationen. Damit steht die Diagnose einer Bleivergiftung fest.

Die Bleiexposition erklärt nach Darstellung der Autoren sowohl die Veränderungen der Hämsynthese mit der Anämie als auch die gastrointestinalen und neurologischen Beschwerden. Eine Chelattherapie mit Dimercaptopropansulfonsäure wird eingeleitet. Innerhalb von 72 Stunden verschwinden Bauchschmerzen, Erbrechen, Kopfschmerzen und Sehstörungen vollständig. Auch die Veränderungen in der Magnetresonanztomografie bilden sich im Verlauf deutlich zurück.

Trotz Chelattherapie bleiben die Bleiwerte hoch

Eine entscheidende Frage bleibt zunächst offen: Woher stammt das Blei? Untersuchungen naher Angehöriger ergeben keine erhöhten Werte. Auch Kontrollen im Wohnumfeld und in der Schule einschließlich der Untersuchung des Trinkwassers führen zunächst nicht zur Expositionsquelle. Gleichzeitig bleibt die Bleikonzentration des Jungen trotz Therapie über Wochen hoch. Die Ärzte vermuten daher eine weiterhin bestehende Exposition.

Sieben Wochen nach Beginn der Chelattherapie entdeckt schließlich die Großmutter ein beschädigtes Vorhanggewicht mit bleihaltigen Elementen. Der Junge berichtet, dass er die bleihaltigen Teile über Monate beim Computerspielen regelmäßig in den Mund genommen und daran geleckt hat – auch während der laufenden Behandlung noch.

Bleibelastung sinkt nur langsam

Nach Entfernung des Bleigewichts sinken die Blutbleikonzentrationen allmählich. Der Rückgang verläuft jedoch über viele Monate. Die Autoren führen dies auf die chronische Exposition zurück: Ein großer Teil des aufgenommenen Bleis kann im Knochen gespeichert werden und von dort noch lange wieder in die Blutbahn gelangen.

Die Chelattherapie wird nach einem Jahr beendet. Zu diesem Zeitpunkt ist der Junge klinisch beschwerdefrei, die Bleikonzentration liegt jedoch noch bei rund 304 µg/l. Die Autoren verweisen deshalb auf die Bedeutung weiterer langfristiger Kontrollen. Ein erhöhter Blutwert könne nach Ende der äußeren Exposition weiterhin die Freisetzung von Blei aus körpereigenen Speichern widerspiegeln.

Auch Alltagsgegenstände können zur Expositionsquelle werden

Zugleich betonen sie, dass bei Verdacht auf eine Bleiexposition im Kindesalter auch ungewöhnliche Quellen berücksichtigt werden sollten. Wie der Fall zeigt, kann eine Bleivergiftung mit klinischen und biochemischen Befunden einhergehen, die zunächst an eine Porphyrie denken lassen.

Besonders wichtig sei daher eine detaillierte Expositionsanamnese. Dabei sollten Fragen nicht nur klassische Quellen wie Trinkwasser, bleihaltige Farben oder eine über Haushaltsangehörige eingetragene berufliche Exposition erfassen. Auch wiederholtes Kauen, Lutschen oder Lecken an scheinbar gewöhnlichen Alltagsgegenständen könne entscheidende Hinweise liefern.

Bei dem Jungen bleibt trotz klinischer Erholung eine langfristige Nachbeobachtung erforderlich. Die Autoren weisen darauf hin, dass mögliche neurokognitive und entwicklungsbezogene Folgen einer ausgeprägten Bleiexposition erst im weiteren Verlauf sichtbar werden können.
 

Originalpublikation: Lammert FC et al. Heavy metal – habitual licking of a lead tape as rare cause of chronic lead poisoning: a case report. Frontiers in Pediatrics. 2026;14. DOI: 10.3389/fped.2026.1909793

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