Fallberichte: Alles nur Kuriositätenkabinett?

Von Dr. Ulrike Koock, Leiterin der änd-Medizinredaktion
Manchmal, wenn ich an meinem Schreibtisch sitze und interessante, medizinische Fallberichte suche, um darüber zu schreiben, frage ich mich bei manchen kuriosen Geschichten: „Geht das nicht zu weit? So etwas passiert in einem Mediziner-Alltag nicht!“
Aber doch, kuriose Geschichten kommen immer wieder im Medizineralltag vor. Da spricht die Ärztin aus mir. Wie es so schön in der Medizin heißt: Es gibt nichts, was es nicht gibt. Als ich einmal über den in einem Fachmagazin publizierten Fall eines jungen Mannes schrieb, der sich ein USB-Kabel in die Harnröhre eingeführt hat und es nicht mehr entfernen konnte, musste ich sofort an eine Geschichte aus meiner Zeit in der Notaufnahme denken.
Von Zahnbürsten und HIV
Ein Kollege kam damals zu mir, öffnete das Röntgen-Programm am Computer und zeigte mir eine Beckenübersichtsaufnahme. Ich war zu der Zeit zwar in der internistischen Notaufnahme tätig und der Patient war nicht meiner, aber seltene und interessante „Fälle“ haben wir uns natürlich gegenseitig vorgestellt. Auf der Beckenübersicht sah ich also einen Gegenstand, der dort nicht hingehört – augenscheinlich rektal eingeführt. Erkennen konnte ich nicht, was es sein sollte, doch mein Kollege klärte mich auf: „Das ist eine elektrische Zahnbürste. Der Patient sagte, er sei auf das Gerät gestürzt, das am Boden auf dem Auflader stand.“ Mein Kollege konnte sich bei aller Professionalität ein Schmunzeln nicht verkneifen. Auf einen Gegenstand gefallen – der Klassiker. Der Patient hatte allerdings nicht gut lachen, denn das Gerät musste über eine Laparotomie entfernt werden. Glücklicherweise ging aber am Ende alles gut aus.
Ein ähnlicher Fall aus meiner Studienzeit – ich war gerade im Praktischen Jahr – hinterließ weitreichendere Spuren. Ein Mann mittleren Alters hatte sich ein „Spielzeug“ selbst gebastelt – wie und aus welchem Material genau, das weiß ich leider nicht mehr – und eingeführt. Das Teil brach im Eifer des Gefechts ab und musste ebenfalls durch eine Laparotomie geborgen werden. Blöderweise hatte der Patient eine HIV-Infektion geheim gehalten, die erst zum Vorschein kam, als sich der Operateur während des Eingriffs an einer Nadel stach und er im Nachgang den Patienten um einen entsprechenden Test bat. Das ist fast 20 Jahre her. Der Chirurg musste eine Postexpositionsprophylaxe einnehmen und infizierte sich glücklicherweise nicht mit HIV. Dennoch wird diese Erfahrung bei dem Kollegen seine Spuren hinterlassen haben.
Häufige Symptome mit seltenen Erkrankungen
Doch es sind nicht immer nur die Extrembeispiele, aus denen man etwas lernen kann und die ich auch während meiner noch aktiven Zeit als Ärztin gerne gelesen habe. Vor einiger Zeit fiel mir ein Bericht in die Hände, der auf den ersten Blick so unspektakulär erschien. Ein junger Mann wurde mit Fieber, Husten und zunehmender Dyspnoe in einer Notaufnahme vorstellig. Zunächst bestand der Verdacht auf eine atypische Pneumonie, doch die Therapie schlug nicht an und der junge Mann wurde septisch. Am Ende stellte sich heraus, dass es sich um das sogenannte Lemierre-Syndrom handelte – eine fast vergessene Erkrankung in Zeiten von Antibiotika.
Fallberichte spiegeln die Komplexität
Solche Geschichten helfen auch im Berufsalltag, schwierige Diagnosen zu stellen. Auch, wenn „das Häufige häufig und das Seltene selten ist“. Meistens stecken hinter Husten und Fieber nicht sofort septische Embolien und pulmonale Infarkte. Meistens ist ein Husten einfach ein Erkältungshusten oder eine Bronchitis. Doch solche Fälle lehren einen, ein wenig demütig zu bleiben, manchmal zweimal hinzuschauen und banal erscheinende Symptome nicht sofort als Lappalie abzutun.
Trotz aller Zeitnot im Gesundheitswesen ist es wichtig, die Red Flags zu erkennen. Damit erzähle ich Ihnen nichts Neues, und von meinem Schreibtisch aus kann ich Ihnen auch keine fünf Minuten extra im Praxisalltag schenken. Dennoch kann so manch kurioser Fall die Komplexität der Medizin widerspiegeln und Ärztinnen und Ärzte an seltene Erkrankungen erinnern.
Manchmal sind es auch kleine, amüsante Geschichten
Und manchmal auch die amüsanten Seiten: Eines Tages kam eine junge Mutter zu mir in die Notaufnahme – vollkommen aufgelöst. Ihr kleiner Sohn von drei Jahren hatte einen blauen Fleck am Scrotum und ihr schossen furchtbare Gedanken durch den Kopf. Ob er sich unbemerkt verletzt habe? Ein Tumor? Eine gefährliche Hautläsion? Sie war den Tränen nahe. Ich bat sie also, dem Kind die Hose auszuziehen. Als sie die Unterhose herunterzog, löste sich „der blaue Fleck“ und segelte sanft zu Boden. Es war ein dicker Fussel.
Die junge Frau schwankte zwischen Erleichterung und Scham, gleichzeitig mussten wir beide auch darüber lachen. So schnell hatte ich noch nie jemanden glücklich gemacht. Für einen Fallbericht in einem Fachmagazin – „Skrotales Hämatom entpuppt sich als Fussel“ – hätte diese Geschichte nicht gereicht. Für eine nette Mediziner-Anekdote aber bestimmt. Welche haben Sie auf Lager?
Ich freue mich auf Ihre schönsten oder skurrilsten Geschichten.
Ihre Ulrike Koock