Leidet das Immunsystem nach der OP?
Die Gaumenmandeln sind ein wichtiger Bestandteil der Immunabwehr. Ihre operative Entfernung wirft deshalb immer wieder die Frage auf, ob sie langfristig die Abwehrfunktion beeinträchtigt – insbesondere bei Kindern, die einer Vielzahl an Erregern ausgesetzt sind. Eine Übersichtsarbeit fasst die immunologischen Folgen zusammen.
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Einmal „Aaahh“ sagen: Sind die Tonsillen regelmäßig entzündet, kann man über die Entfernung nachdenken. Klare Kriterien geben eine Hilfestellung, wann es Sinn macht (Symbolbild).
Die Gaumenmandeln sind Teil des lymphatischen Rachenrings und haben eine wichtige Funktion bei der Immunabwehr gegen eingeatmete und oral aufgenommene Krankheitserreger inne. Ihre tiefen epithelialen Krypten ermöglichen den direkten Kontakt zwischen äußeren Antigenen und dem darunterliegenden lymphatischen Gewebe. Dort finden sich unter anderem Keimzentren mit proliferierenden und differenzierenden B-Lymphozyten sowie T‑Lymphozyten, dendritischen Zellen und Makrophagen.
Sie spielen insbesondere bei der Reifung von Lymphozyten und der Produktion von Immunglobulinen, darunter sekretorischem IgA, eine wichtige Rolle. Vor diesem Hintergrund wird häufig diskutiert, ob die Tonsillektomie größere Auswirkungen auf die langfristige Abwehrfunktion hat. Eine Übersichtsarbeit, veröffentlicht im Fachjournal Laryngoscope Investigative Otolaryngology, wertete nun kurz- und langfristige Untersuchungen zu den immunologischen Folgen der Tonsillektomie aus.
Paradise-Kriterien
Aktuelle Leitlinien empfehlen eine selektive Indikationsstellung anhand definierter Kriterien, insbesondere der Paradise-Kriterien. Demnach kommt eine Tonsillektomie bei mindestens sieben Tonsillitis-Episoden innerhalb eines Jahres, fünf Episoden jährlich über zwei aufeinanderfolgende Jahre oder drei Episoden jährlich über drei Jahre infrage. Die Episoden müssen ärztlich dokumentiert sein und mit klinischen Hinweisen wie Fieber, zervikaler Lymphadenopathie, Tonsillenexsudat oder einem Nachweis von Streptokokken der Gruppe A einhergehen. Kinder, die diese Kriterien erfüllen, profitieren Studien zufolge von einer geringeren Häufigkeit und Schwere erneuter Erkrankungsepisoden. Bei weniger häufigen Infektionen fällt der Nutzen dagegen häufig geringer aus.
Eine weitere wichtige Indikation ist die Obstruktion der oberen Atemwege, etwa bei obstruktiver Schlafapnoe oder chronischer Mundatmung infolge vergrößerter Tonsillen oder Adenoide.
Rückgang chronischer Entzündung
Nach der Entfernung der Mandeln können sich die Konzentrationen von Immunglobulinen und Lymphozyten vorübergehend verändern. Die Studien deuten jedoch darauf hin, dass diese Veränderungen häufig mit dem Rückgang eines chronischen Entzündungszustands einhergehen, ohne die globale Immunantwort wesentlich zu beeinträchtigen. Die Aussagekraft ist jedoch durch kleine Studienpopulationen, kurze Nachbeobachtungszeiten und unterschiedliche Untersuchungsmethoden begrenzt.
Auch klinisch kann der Eingriff Vorteile bieten: Bei bestimmten Erkrankungen, etwa dem PFAPA-Syndrom mit periodischem Fieber, kann die Tonsillektomie wiederkehrende fieberhafte Episoden reduzieren.
Mögliche Langzeitfolgen bleiben unklar
Langzeitstudien zeigen überwiegend, dass eine Tonsillektomie bei Kindern weder die Häufigkeit von Atemwegsinfektionen deutlich erhöht noch die zelluläre Immunabwehr klinisch relevant beeinträchtigt. Einzelne Untersuchungen finden allerdings langfristig niedrigere Immunglobulinspiegel, insbesondere von IgA, IgG und IgM. Zudem berichten große Kohortenstudien über Zusammenhänge mit bestimmten Autoimmunerkrankungen und Parodontitis. Andere Studien finden dagegen keine wesentlichen Veränderungen der Atopie oder der Infektionshäufigkeit.
Die Aussagekraft der Befunde ist begrenzt: Viele Studien sind retrospektiv, mögliche Einflussfaktoren vor der Operation lassen sich nicht sicher ausschließen, und die tatsächliche Funktionsfähigkeit des Immunsystems wurde nur selten untersucht. Insgesamt gibt es bislang keinen eindeutigen Beleg für eine klinisch relevante Einschränkung der globalen Immunabwehr.
Einfluss der OP-Technik
Die Operationstechnik könnte beeinflussen, wie gut die lokale Immunfunktion nach dem Eingriff erhalten bleibt. Während bei einer vollständigen Tonsillektomie das gesamte Mandelgewebe entfernt wird, bleibt bei der partiellen Tonsillotomie ein Teil des lymphatischen Gewebes erhalten. Histologische und immunologische Befunde zeigen, dass dieses Restgewebe weiterhin aktiv ist und möglicherweise die lokale Schleimhautimmunität unterstützt. Zudem ist die Tonsillotomie bei Kindern mit weniger postoperativen Schmerzen und Blutungskomplikationen verbunden. Ob der Gewebeerhalt tatsächlich langfristige immunologische Vorteile bietet, ist bislang jedoch nicht ausreichend untersucht.
Sorgfältige Indikationsstellung ist entscheidend
Die Tonsillektomie bei Kindern ist ein etabliertes Verfahren. Obwohl die Entfernung der Mandeln vorübergehende Veränderungen immunologischer Parameter verursachen kann, gibt es bislang kaum Hinweise auf eine klinisch relevante Beeinträchtigung der gesamten Immunabwehr. Langfristig steigt die Häufigkeit von Atemwegsinfektionen offenbar nicht an und die meisten untersuchten Immunparameter bleiben im Normbereich. Bei sorgfältiger Indikationsstellung erscheint die Tonsillektomie immunologisch weitgehend unbedenklich und kann bei bestimmten Erkrankungen wie dem PFAPA-Syndrom therapeutisch hilfreich sein. Entscheidend bleibt eine individuelle Abwägung von Nutzen und Risiken.
Originalpublikation:
Barbara Verro, Gaetano Ottoveggio, Simona Fiumara, Carmelo Saraniti, The Immunological Consequences of Pediatric Adenotonsillectomy: Myths, Evidence, and Unsolved Questions, first published: 19 October 2026, Laryngoscope Investigative Otolaryngology, Volume 11, Issue 5
https://doi.org/10.1002/lio2.70556