Ein Fremdkörper in der Schilddrüse
Eine 43-jährige Frau sucht wegen starker rechtsseitiger Nackenschmerzen ärztliche Hilfe. Die Bildgebung zeigt einen Abszess in unmittelbarer Nähe der Schilddrüse – und einen ungewöhnlichen Fremdkörper. Die Ursache ihrer Beschwerden liegt insgesamt sechs Monate zurück, wie die Autoren des Falls aus China im Ear, Nose & Throat Journal schreiben.
©Яe Life Яe World / stock.adobe.com
Auf gezielte Nachfrage erinnert sich die Patientin an einen Vorfall, der bereits sechs Monate zurückliegt. Damals verschluckte sie versehentlich eine Fischgräte und verspürte anschließend ein stechendes Gefühl im Rachen. Ist das etwa der entscheidende Hinweis? [Symbolbild]
Die Patientin stellt sich mit seit einer Woche bestehenden Schmerzen auf der rechten Halsseite in einem Krankenhaus vor. Bei der körperlichen Untersuchung fällt eine etwa 3 × 2 cm große, leicht druckschmerzhafte Schwellung auf. Die umgebende Haut ist gerötet, zudem lässt sich eine Fluktuation ertasten, die auf eine Flüssigkeitsansammlung hindeutet.
Die sonografische Untersuchung zeigt auffällige Strukturen im rechten Halsbereich, die eng mit dem rechten Schilddrüsenlappen verbunden sind.
Eine Fischmahlzeit mit Folgen
Auf gezielte Nachfrage erinnert sich die Patientin an einen Vorfall, der bereits sechs Monate zurückliegt. Damals verschluckte sie versehentlich eine Fischgräte und verspürte anschließend ein stechendes Gefühl im Rachen. Um den Fremdkörper loszuwerden, schluckte sie kräftig größere Nahrungsbrocken, darunter einen Reiskloß, hinunter. Tatsächlich verschwand das unangenehme Gefühl daraufhin. Die Frau ging davon aus, dass die Gräte den Verdauungstrakt passiert hatte und verzichtete auf eine ärztliche Untersuchung.
CT enthüllt einen ungewöhnlichen Fund
Um die Ursache der Halsschwellung genauer einzugrenzen, veranlassen die Ärzte eine native Computertomografie des Halses mit dreidimensionaler Rekonstruktion. Die Aufnahmen zeigen eine raumfordernde Veränderung im Bereich des rechten Schilddrüsenlappens und des rechten Parapharyngealraums, die mit einem Abszess vereinbar ist (Original-CT).
Innerhalb der Läsion fällt eine lineare, stark röntgendichte Struktur auf. Die Ärzte vermuten, dass es sich um die vor sechs Monaten verschluckte Fischgräte handeln könnte. Der spitze Fremdkörper durchdrang womöglich beim Schlucken die Wand des oberen Verdauungstrakts und wanderte anschließend durch das Halsgewebe bis in die Schilddrüse.
Erste Operation führt nicht zum Ziel
Das Behandlungsteam entscheidet sich für eine offene chirurgische Entfernung des Fremdkörpers. Zunächst eröffnen die Chirurgen den Abszess über einen seitlichen Halsschnitt. Dabei entleert sich gelbliches, eitriges Sekret. Trotz sorgfältiger Exploration der Abszesshöhle lässt sich jedoch kein Fremdkörper ertasten.
Erst die erneute Auswertung der CT-Aufnahmen liefert den entscheidenden Hinweis: Die gesuchte Struktur liegt offenbar nicht frei in der Abszesshöhle, sondern innerhalb des rechten Schilddrüsenlappens. Die Chirurgen setzen deshalb einen weiteren, querverlaufenden Schnitt an der vorderen rechten Halsseite und legen den Schilddrüsenisthmus sowie den rechten Schilddrüsenlappen frei. Im seitlichen Bereich des Organs ertasten sie eine deutliche Verhärtung.
Nach einer längs verlaufenden Inzision in das Schilddrüsengewebe kommt schließlich der Übeltäter zum Vorschein: eine etwa drei Zentimeter lange, weißliche Fischgräte, die horizontal im Schilddrüsenlappen liegt (Originalbefund). Die Ärzte entfernen den Fremdkörper vollständig, vernähen das Schilddrüsengewebe und verschließen die Operationswunden schichtweise.
Schilddrüsenfunktion bleibt erhalten
Die Patientin erhält postoperativ eine entzündungshemmende Behandlung und regelmäßige Wundversorgung. Sie erholt sich gut von dem Eingriff. Auch sechs Monate später zeigt sich ein komplikationsloser Verlauf: Die Operationsnarbe ist reizlos verheilt, tastbare Raumforderungen bestehen nicht mehr und die Schilddrüsenfunktion liegt weiterhin im Normbereich, schreiben die Autoren.
Wenn Fremdkörper auf Wanderschaft gehen
Wie die Autoren weiter erläutern, gehören verschluckte Fischgräten zu den häufigen Fremdkörpern im oberen Verdauungstrakt. Meist bleiben sie im Bereich der Tonsillen, des Zungengrunds, der Recessus piriformes oder der Speiseröhre stecken und lassen sich in der Regel endoskopisch entfernen. In seltenen Fällen durchbohren spitze Fremdkörper jedoch die Schleimhaut und wandern unter dem Einfluss von Schluckbewegungen und Muskelkontraktionen durch das umliegende Gewebe. Dabei können sie unter anderem den Para- oder Retropharyngealraum erreichen. Eine Migration bis in die Schilddrüse mit begleitender Abszessbildung ist dagegen schon sehr außergewöhnlich.
Für die Praxis ergebe sich daraus folgendes Vorgehen, wie die Autoren abschließend vorschlagen: Bleiben nach dem Verschlucken eines spitzen Gegenstands Schmerzen oder Schluckbeschwerden bestehen, obgleich endoskopisch kein Fremdkörper nachweisbar ist, könne eine weiterführende Bildgebung mittels CT und nötigenfalls dreidimensionaler Rekonstruktion erfolgen. Bei tastbaren Halsabszessen könne aber auch die Sonografie zur Lokalisation beitragen.
Originalpublikation: Huang Y et al., A Case of Migratory Thyroid Foreign Body. Ear Nose Throat J. 2026; OnlineFirst. DOI: 10.1177/01455613261446601