Notfallmedizin

Zu oft im Blindflug zum Vergiftungsfall

Vergiftungen gehören in Rettungsdienst und Notaufnahme zum Alltag – doch ausgerechnet bei der toxikologischen Ausbildung sehen viele Beschäftigte erhebliche Defizite. Eine bundesweite Umfrage zeigte: Bei Informationsbedarf wird häufig selbst im Internet recherchiert.

©Anna / stock.adobe.com Lediglich 7,5 Prozent der Angestellten aus dem Rettungswesen  bezeichneten ihre toxikologischen Kenntnisse als ausreichend für die tägliche Arbeit. [Symbolbild]

Vergiftungen sind in der deutschen Akutmedizin keineswegs selten, schreiben die Autoren eingangs im Fachjournal Med Klin Intensivmed Notfmed. In einer bundesweiten Befragung schätzten Beschäftigte aus Rettungsdienst, Notaufnahme und Intensivmedizin, dass Intoxikationen im Median etwa fünf Prozent ihrer Patienten ausmachten. Mehr als jeder Fünfte gab an, täglich oder sogar mehrmals täglich Vergiftete zu versorgen, rund jeder Dritte mehrmals pro Woche. Besonders häufig ging es dabei um Alkohol und Drogen, gefolgt von Medikamenten.

Für ihre Studie hatten Christoph Hüser und Kollegen eine prospektive Onlinequerschnittumfrage durchgeführt. Insgesamt nahmen 563 Personen teil, davon 57,7 Prozent aus zentralen Notaufnahmen und 31,9 Prozent aus dem prähospitalen Bereich. Mehr als 80 Prozent verfügten über mindestens sechs Jahre Berufserfahrung. Die Datenerhebung erfolgte im Oktober 2025.

Vergiftungen binden erhebliche Ressourcen

Die Versorgung ist den Angaben zufolge häufig aufwendig. Nach Einschätzung der Befragten benötigten im Median 70 Prozent der Vergifteten eine Monitorüberwachung in der Notaufnahme. Rund die Hälfte könne ambulant entlassen werden, bei geschätzten 20 Prozent sei dagegen eine Aufnahme auf eine IMC- oder Intensivstation erforderlich.

Dabei unterscheiden sich die Vergiftungsmuster deutlich. Während Alkohol- und Drogenintoxikationen zur Routine gehörten, begegneten viele Beschäftigte anderen Noxen nur selten. 70 Prozent der Befragten behandelten Medikamentenvergiftungen höchstens einmal wöchentlich; mehr als 90 Prozent sahen Vergiftungen durch Chemikalien, Pflanzen, Pilze oder Tiere seltener als einmal pro Woche. Gerade diese seltenen Fälle erforderten jedoch nicht selten besondere toxikologische Kenntnisse.

Drei von vier sehen Defizite in der Ausbildung

Solche speziellen Kenntnisse seien aber nur selten Bestandteil der eigenen Ausbildung. Lediglich 7,5 Prozent bezeichneten diese als ausreichend, weitere 16,9 Prozent als eher ausreichend. Dagegen hielten 31,3 Prozent ihre Vorbereitung auf Vergiftungsfälle für eher nicht und 10,7 Prozent für nicht ausreichend; ein weiteres Drittel sah sie lediglich als teilweise ausreichend an.

Entsprechend groß sei daher auch der Fortbildungsbedarf: 73,3 Prozent wünschten sich Kurse zu speziellen Vergiftungen und toxikologischen Interventionen wie Antidottherapie, Lipidemulsion oder Hämodialyse. 68,7 Prozent nannten Schulungen zu allgemeinen Prinzipien wie Dekontamination, Aktivkohle und Atemwegssicherung, 61,8 Prozent Simulationstrainings.

Internetrecherche spielt wichtige Rolle

Ebenso zeigt sich bei der Informationsbeschaffung deutliches Verbesserungspotenzial. Bei Informationsbedarf recherchierten rund 76 Prozent häufig oder sehr häufig eigenständig im Internet. Giftinformationszentralen wurden ähnlich häufig als Informationsquelle genutzt. Insgesamt gaben die Befragten jedoch an, im Median 70 Prozent der Vergifteten ohne Kontakt zu einer Giftinformationszentrale zu versorgen.

Der Giftnotruf komme vor allem bei ungewöhnlicheren Intoxikationen ins Spiel. Bei Chemikalien-, Pflanzen- und Tiervergiftungen werde deutlich häufiger Kontakt aufgenommen als bei Alkohol oder Drogen, so die Autoren weiter. Die Erreichbarkeit der Giftinformationszentralen wurde überwiegend positiv bewertet: Mehr als 80 Prozent bezeichneten sie als sehr gut oder gut.

Dennoch wünschen sich rund 74 Prozent zusätzlich eine deutschsprachige digitale Informationsplattform zu Vergiftungen. 43,3 Prozent sprachen sich für speziell weitergebildetes klinisches Personal aus. Nur jeder Fünfte hielt die vorhandenen Informationsmöglichkeiten für ausreichend.

Fazit

Die Ergebnisse legen nach Einschätzung der Autoren eine strukturelle Lücke bei der Vermittlung toxikologischen Wissens nahe. Vergiftungen seien zwar Teil der täglichen Akutversorgung, gleichzeitig träfen Behandelnde aber immer wieder auf seltene Intoxikationen, für die Routinewissen allein möglicherweise nicht ausreicht. Strukturierte Fortbildungen, leicht zugängliche digitale Informationen und speziell qualifiziertes Personal könnten hier unterstützen.

Allerdings handele es sich bei dieser Studie um eine freiwillige Onlinebefragung mit einer Gelegenheitsstichprobe und subjektiven Selbstauskünften. Objektive Aussagen über die tatsächliche Versorgungsqualität lassen sich daraus nicht ableiten, erinnern die Autoren zum Abschluss.

 

Originalpublikation: Hüser C et al., GiftIQ: Status quo der Versorgung Vergifteter in Deutschland. Med Klin Intensivmed Notfmed 2026. https://doi.org/10.1007/s00063-026-01458-x

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