Was wissen wir über heterologe Impf-Effekte?
Impfungen schützen vor einem schweren Verlauf einer Krankheit oder vor einer Infektion an sich. Aber nicht nur: Viele Impfungen haben auch zusätzliche - „nicht-spezifische“ oder heterologe – Effekte und wirken sich beispielsweise auf das Risiko für Krebs, Demenz und Herz-Kreislauf-Ereignisse aus. Das Science Media Center Germany (SMC) hat Forschende gefragt, welche nicht-spezifischen Effekte von Impfungen bekannt sind und wie weitreichend diese bereits belegt sind. Im Folgenden, in gekürzter Form, einige Statements der Fachleute:
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Kleiner Stich mit großer Wirkung: Viele Impfungen haben auch zusätzliche – „nicht-spezifische“ oder heterologe – Effekte und wirken sich beispielsweise auf das Risiko für Krebs, Demenz und Herz-Kreislauf-Ereignisse aus. (Symbolbild)
„Impfungen wirken über den Schutz vor dem Impferreger allein hinaus, das ist unbestritten“, wird Prof. Dr. Christoph D. Spinner, Infektiologe am TUM Klinikum in München, zitiert. Zwei Effekte seien besonders erkennbar: „Erstens, der kardiovaskuläre Schutz: Wer sich gegen Atemwegserreger wie Influenzaviren, Pneumokokken oder SARS-CoV-2 impfen lässt, hat ein geringeres Risiko für einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall. Die Vakzine verhindern systemische Entzündungskaskaden und damit das Einreißen von Gefäßplaques oder die Zunahme einer weiteren Gefäßverengung.“ Der zweite Effekt betreffe den Mechanismus der heterologen Immunität (‚trainierte Immunität‘): „Hierbei scheinen vor allem Lebendimpfstoffe Zellen des angeborenen Immunsystems zu stimulieren, sodass sie die Morbidität und Mortalität auch über den Effekt des verimpften Erregers reduzieren.“
Evidenzgrad, konkrete Zahlen und Studienbedarf
Der Schutz der Blutgefäße ist Spinner zufolge „sehr gut belegt“: Ein Konsensus-Papier der Europäischen Gesellschaft für Kardiologie (ESC) von 2025 zeige, dass eine Influenza-Impfung nach einem Herzinfarkt das Risiko für schwere kardiovaskuläre Ereignisse (MACE) um etwa 28 bis 45 Prozent senkt; die absolute Risikoreduktion liege bei zwei bis vier Prozent. „Der Schutz durch die ‚trainierte Immunität‘ ist zwar biologisch schlüssig bewiesen, schwankt klinisch jedoch stark je nach Zielgruppe. Hier braucht es gezielte Studien zu validen Biomarkern, zur Haltbarkeit der epigenetischen Prägung und zur optimalen Abfolge von Lebend- und Totimpfstoffen im Praxisalltag“, so Spinner.
Effekt auf das Demenz-Risiko
„Spannend, aber noch deutlich weniger gesichert, ist die Beobachtung, dass verschiedene Impfungen mit einem niedrigeren späteren Demenzrisiko assoziiert sind“, beginnt das Statement von Prof. Dr. Barbara Rath, u.a. Vorsitzende der Vaccine Safety Initiative (Berlin). Entsprechende Signale gebe es unter anderem für Influenza-, Pneumokokken- und Herpes-zoster-Impfungen. „Besonders interessant sind neuere natürliche Experimente zur Zoster-Impfung, weil sie weniger anfällig für den sogenannten ‚healthy-vaccinee bias‘ (geimpfte Personen sind oft von vornherein gesünder sind als ungeimpfte; Anm. d. SMC-Red.) sind als klassische Beobachtungsstudien. Trotzdem ist derzeit noch nicht abschließend geklärt, in welchem Umfang Impfungen tatsächlich kausal Demenz verhindern und welche Mechanismen dafür verantwortlich wären. Denkbar sind die Verhinderung neuroinflammatorisch relevanter Infektionen, die Eindämmung systemischer Entzündungen und echte immunmodulatorische Effekte.“
Effekte auf das Krebs-Risiko
„HPV- und Hepatitis-B-Impfungen können bestimmte Krebserkrankungen verhindern, weil sie die zugrunde liegenden onkogenen Infektionen verhindern“, so Rath. „Das ist sehr gut belegt, aber kein klassischer nicht-spezifischer Effekt. BCG wiederum besitzt breite immunmodulatorische Eigenschaften und wird therapeutisch bei bestimmten Formen des Blasenkarzinoms eingesetzt. Daraus lässt sich jedoch kein allgemeiner Krebspräventionseffekt beispielsweise der Influenza-Impfung ableiten.“
Die ‚trainierte Immunität‘
„Zu den stärksten Hinweisen auf echte heterologe Impfeffekte zählen Befunde zur BCG-Impfung“, so Prof. Dr. Robert Thimme vom Universitätsklinikum Freiburg. „Bereits 1932 wurde in Schweden beobachtet, dass BCG-geimpfte Kinder in ihren ersten vier Lebensjahren deutlich seltener starben als ungeimpfte Kinder, obwohl Tuberkulose-Todesfälle in Skandinavien schon damals selten waren und nur einen kleinen Teil des Unterschieds erklären konnten. Später zeigte eine randomisierte kontrollierte Studie mit 2320 Neugeborenen mit niedrigem Geburtsgewicht in Guinea-Bissau, dass die Sterblichkeit in der BCG-Gruppe während der ersten vier Lebenswochen um 45 Prozent niedriger war (95-Prozent-Konfidenzintervall: 11 bis 66 Prozent). Der Rückgang wurde vor allem auf weniger Todesfälle durch Sepsis und Pneumonie zurückgeführt. Da BCG gezielt gegen Tuberkulose eingesetzt wird, sprechen diese Ergebnisse für Schutzwirkungen, die über die Abwehr des eigentlichen Zielerregers hinausgehen.“
Als möglicher Mechanismus solcher Effekte wird Thimme zufolge eine „längerfristige Aktivierung beziehungsweise funktionelle Umprogrammierung des angeborenen Immunsystems diskutiert, die als ‚trainierte Immunität‘ bezeichnet wird“. Dadurch könnte eine Impfung auch die Abwehr anderer Erreger beeinflussen. Solche Wirkungen seien biologisch plausibel und insbesondere für BCG vergleichsweise gut untersucht. „Wie groß und dauerhaft ihre klinische Bedeutung in unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen ist, muss jedoch weiter erforscht werden. Andere zusätzliche Wirkungen, etwa die Verhinderung von HPV- oder Hepatitis-B-bedingter Krebserkrankungen, sind dagegen eindeutig nachgewiesen, beruhen aber auf dem spezifischen Schutz vor dem jeweils ursächlichen Erreger.“
Weitere nicht-spezifische Effekte
Prof. Dr. Martin Korte (TU Braunschweig und Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung, Braunschweig) weist auf weitere nicht-spezifische Effekte hin: „Aus SARS-CoV-2-Studien ist sehr gut belegt, dass Post-(Long)-Covid-Symptome im Auftreten und Schweregrad durch Impfungen um 50 Prozent reduziert werden können. Dies beinhaltet den Verlust der Riechfähigkeit, den sogenannten ‚brain fog‘ (Konzentrations-/Gedächtnisprobleme), das ‚Fatigue-Syndrome‘ und andere langanhaltende Beeinträchtigungen nach einer Virusinfektion für Wochen und Monate nach einer Infektion. Daten über Grippeviren zeigen vergleichbare Beeinträchtigungen, deren Auftreten und Schweregrad durch Impfungen reduziert werden können.“
Tipps für die Patientenkommunikation
„Nicht-spezifische Effekte sollten unbedingt mit kommuniziert werden, um alle Aspekte einer Impfung für die Entscheidung, ob man sich impfen lässt, berücksichtigen zu können: mögliche Risiken ebenso wie das, was man durch eine Impfung gewinnt“, rät Prof. Dr. Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie an der Universität Groningen (Niederlande). „Dazu gehören auch bei Kindern, dass diese weiter am Sozialleben und an Schulveranstaltungen teilnehmen können, wenn sie gar nicht erst erkranken oder nur sehr kurz. Ähnliches gilt für Arbeitnehmer und deren Ausfall am Arbeitsplatz. Gerade bei Kindern wird oft vergessen zu kommunizieren, dass sich eine erkrankungsbedingte Isolation negativ auf die Gehirnentwicklung der Kinder – im Lernen und im sozialen Kontakten zu Peers – auswirkt.“
„Ich halte es für sinnvoll, auf die Effekte einer Grippeimpfung auf die Herzgesundheit hinzuweisen“, so Prof. Dr. Susanne Herold (Universitätsklinikum Gießen und Marburg). „Die vorhandenen Daten zeigen überzeugend, dass eine Impfung vor Herzkranzgefäßerkrankungen schützen und einem Herzinfarkt vorbeugen kann. Diese Information ist vor allem wichtig für Menschen mit Herz-Kreislauf-Problemen. Ein möglicher Schutz durch eine Grippeimpfung vor anderen Infektionen, Demenzentwicklung oder Lungenkrebs ist weniger gut belegt. Hier wäre ich vorsichtig.“
Quelle: Science Media Center