Interview

Deutschland schwitzt: Welche Anpassungen sind jetzt nötig?

El Niño, Klimawandel, Hitzewelle – drei Begriffe, die in der aktuellen Sommerdebatte oft gehörig durcheinanderwirbeln. Allen gemeinsam ist nur das Symptom der „schweißtreibenden Extremwetter-Lage". Doch was eigentlich dahintersteckt, was auf uns noch zukommen könnte und welche Maßnahmen dagegen jetzt umgesetzt werden sollten, erklärt Frau Dr. Daniela Matei vom Max Planck Institut für Meteorologie in Hamburg.

©PhotoSG / stock.adobe.com Dr. Daniele Matei, Max Planck Institut für Meteorologie, Hamburg

Frau Dr. Matei, wie sicher sind die aktuellen Prognosen für einen starken El Niño 2026? 

Prognosen der Weltorganisation für Meteorologie und der US-Wetterbehörde NOAA sehen ein sehr starkes El-Niño-Ereignis voraus. El Niño entwickelt sich aktuell im tropischen Pazifik und wird voraussichtlich stark an Intensität zunehmen. Insbesondere beobachten die Wissenschaftler im tiefen zentralen Pazifik eine ausgeprägte Blase warmen Wassers, die ostwärts wandert. Derzeit gibt die National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA), das ist der US-Wetterdienst, die Wahrscheinlichkeit für einen sehr starken El Niño mit 63 Prozent an. Bislang wurden nur El Niños mit einer Temperaturabweichung von gut 2 Grad beobachtet. Zuverlässige Aussagen über die genaue Stärke und Dauer eines ENSO-Ereignisses sind meist erst ab dem Spätsommer möglich. In vielen Fällen intensiviert ein starker El Niño die Folgen jedoch nicht, er macht sie nur wahrscheinlicher.


Und was bedeutet das ganz konkret für uns in Deutschland?

Zurzeit hat El Niño keinen Einflüss auf das Wetter in Europa und Deutschland. Unser Wetter ist stark vom Nordatlantik und Mittelmeer beeinflusst. Der Einfluss von El Niño auf Europa ist komplexer und deutlich weniger direkt als in der Pazifikregion. Im Winterhalbjahr, insbesondere ab Januar, kann El Niño den Polarwirbel beeinflussen und dadurch die Wahrscheinlichkeit häufiger starker Kaltlufteinbrüche in Nord- und Mitteleuropa deutlich erhöhen. Ob es dazu kommt, hängt wie bei vielen meteorologischen Entwicklungen von zahlreichen Faktoren ab, von denen El Niño nur einer ist. Bei einem starken El Niño wird es aber wahrscheinlicher, dass sich sein Einfluss auch bei uns durchsetzt.

Starke und langanhaltende El-Niño-Ereignisse könnten zudem im darauffolgenden Frühjahr und Sommer (2027) zu einer verstärkten Erwärmung des Nordatlantiks sowie zu häufigeren und intensiveren Hitzewellen in Südeuropa beitragen.


Was bereitet Ihnen im Hinblick auf den Sommer 2026 persönlich die größten Sorgen?

Das aktuelle Meeresoberflächentemperatur (SST sea surface temperature)-Muster über dem Nordatlantik (Kälteanomalien im subpolaren Nordatlantik bei einer Wärmeanomalie entlang des Golfstroms bzw. der Nordatlantikströmung) in Verbindung mit Rekordwärme im zentralen und westlichen Mittelmeerraum wurde in den vergangenen Jahrzehnten mit starken Sommerhitzewellen in Europa in Zusammenhang gebracht. Vor dem Hintergrund steigender Durchschnittstemperaturen infolge der globalen Erwärmung könnte dies zu Phasen extrem starker und anhaltender Hitzewellen führen.


Mit welchen gesundheitlichen Belastungen ist zu rechnen?

Solche intensiven und lang anhaltenden Hitzewellen könnten erhebliche Auswirkungen auf die Gesundheit der gesamten Bevölkerung haben. Während dies für die jüngere Generation Tage und Nächte mit starkem Hitzestress und damit ein vermindertes Wohlbefinden und eine geringere Leistungsfähigkeit bedeuten könnte, kann eine extreme Hitzeperiode für ältere und kranke Menschen ein erhebliches Gesundheitsrisiko darstellen. In Europa, insbesondere im Nordwesten und im Zentrum, sind wir aufgrund fehlender Möglichkeiten zur Raumkühlung (Stichwort: Klimaanlagen) besonders gefährdet.


Wie können sich die Menschen, insbesondere auch in Kliniken und Arztpraxen, auf Hitzeepisoden hierzulande vorbereiten?

Wie gesagt, El Niño spielt keine signifikante Rolle für unser Sommer-Wetter in Deutschland. Aber dennoch fehlt es in Ländern wie Deutschland, die in der Vergangenheit keine derartigen Hitzewellen erlebt haben, an Erfahrung, wie man sich auf solche extremen Wetterbedingungen einstellt. Dazu gehören die Anpassung geplanter Aktivitäten an eine solche Hitzebelastung (einschließlich der Absage aller Aktivitäten im Freien, insbesondere intensiver sportlicher Aktivitäten), das Vermeiden von Aufenthalten im Freien während der extrem heißen Stunden (Höhepunkt am Nachmittag gegen 17:00 Uhr), das Tragen von Sonnenkopfbedeckungen.

Kliniken und Praxen benötigen Klimaanlagen. Besonders die modernen Split-Klimaanlagen in Verbindung mit Photovoltaik könnte effizient eingesetzt werden, um die Auswirkungen von Hitzewellen abzuschwächen, d. h., die thermische Belastungsspitze zu verringern.


Wenn Sie den Menschen in Deutschland abschließend nur eine Botschaft für 2026 mitgeben dürften – welche wäre das?

Ein prognostiziertes starkes El-Niño-Ereignis ist kein Anlass für Katastrophenszenarien, kann jedoch helfen, mögliche Auswirkungen in Europa frühzeitiger einzuschätzen und entsprechende Vorbereitungen zu treffen. Außerdem müssen wir die derzeit sehr begrenzten Anpassungsmaßnahmen an extreme Wetter- und Klimabedingungen dringend ausbauen. Europa ist eine Region, die sowohl von natürlichen Schwankungen als auch vom Klimawandel stark betroffen ist. Beides kann zu starken Wetter- und Klimaextremen führen, und letztendlich ist es für den Normalbürger nur eine philosophische Frage, ob ein bestimmtes Extremereignis auf natürliche Schwankungen, anthropogene Einflüsse oder beides zurückzuführen ist. Wir müssen uns auf effizientere Weise schützen, damit wir in erster Linie menschliche Opfer vermeiden und, soweit möglich, auch die gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Auswirkungen begrenzen können. 

Wir müssen uns zudem bewusst sein, dass aufgrund der Trägheit des Klimasystems die bereits große Menge an CO₂, die in die Atmosphäre ausgestoßen und vom Ozean aufgenommen wurde, in den kommenden Jahrzehnten einer Verlangsamung der globalen Erwärmung entgegenwirken würde – selbst wenn die CO₂-Emissionen heute auf null gesenkt würden. Hinzu kommt, dass sich eine Welt mit 1,5 °C Temperaturerhöhung aufgrund der internen Variabilität möglicherweise nicht wesentlich von einer Welt mit 2 °C unterscheiden würde. Daher sind die verstärkten Extremereignisse bereits heute Realität und werden uns noch für geraume Zeit begleiten.

Das Interview führte Dr. Marcus Mau.

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