Kasuistik

Schmerzhaftes rotes Auge mit rascher Verschlechterung

Ein 71-jähriger Mann stellt sich mit seit vier Tagen zunehmenden Schmerzen, Rötung und Schwellung des linken Auges in der Notaufnahme vor. Zusätzlich berichtet er über eitriges Sekret und ausgeprägte Druckdolenz im Bereich des Oberlids, schreiben die Autoren einleitend im Fachjournal Case Reports in Ophthalmology.

©ChatGPT 5.5 [KI-generiert] Die initiale Verdachtsdiagnose lautet präseptale Zellulitis unklarer Genese, was sich jedoch im weiteren Verlauf als falsch herausstellt. [Symbolbild]

Klinisch zeigen sich eine deutliche periorbitale Schwellung, Chemosis sowie ein gelbliches purulentes Sekret (Originalbefund). Die Augenbewegungen sind schmerzhaft eingeschränkt, die Sehschärfe ist reduziert.

Bildgebung weist auf Tränendrüsenbeteiligung hin

Die initiale Verdachtsdiagnose lautet präseptale Zellulitis unklarer Genese. Eine CT-Untersuchung der Orbita zeigt jedoch eine entzündliche Mitbeteiligung der Tränendrüse mit Vergrößerung sowie entzündliche Veränderungen des umgebenden Fettgewebes (CT-Aufnahme). Damit ergibt sich das Bild einer Dakryoadenitis mit orbitaler Beteiligung. Laborchemisch fällt ein erhöhtes C-reaktives Protein auf, wie die Autoren berichten.

Mikrobiologischer Befund bringt die entscheidende Wendung

Ein bereits in der Notaufnahme entnommener Konjunktivalabstrich zeigt zahlreiche polymorphkernige Leukozyten. Die Kultur bestätigt schließlich überdies das Wachstum von Neisseria gonorrhoeae.

Erst nachdem ihm dieser Befund vorgelegt wird, berichtet der Patient über einen kürzlich stattgehabten neuen Sexualkontakt.

Therapie führt zu rascher klinischer Besserung

Die Behandlung erfolgt zunächst empirisch mit intravenösem Ceftriaxon und Flucloxacillin, ergänzt durch topische Therapie mit Steroiden und Chloramphenicol. Unter dieser Therapie bessern sich Schmerzen und weitere Befunde am Auge rasch.

Bereits am Folgetag tritt eine deutliche Visusverbesserung und Schmerzfreiheit ein. Im weiteren Verlauf normalisieren sich Sehschärfe und okuläre Befunde vollständig. Ergänzend erfolgt eine einmalige Gabe von Azithromycin zur Abdeckung einer möglichen Chlamydien-Koinfektion.

Seltene Manifestation mit diagnostischer Relevanz

Die gonokokkenbedingte Dakryoadenitis stelle eine extreme Rarität dar, da Neisseria gonorrhoeae typischerweise eine hyperakute bakterielle Konjunktivitis verursacht und nur sehr selten die Tränendrüse befalle. Der vorliegende Fall hebe daher hervor, dass insbesondere bei ausgeprägter purulenter Sekretion und atypischem Verlauf frühzeitig eine mikrobiologische Diagnostik erfolgen sollte, schlagen die Autoren vor.

Zugleich unterstreichen sie die Bedeutung einer sorgfältigen Sexualanamnese, die in diesem Fall initial fehlte und die Diagnosestellung verzögerte. Besonders bei älteren und multimorbiden Patienten könne sich die Infektion atypisch und lokal invasiv präsentieren.

Fazit

Der Fall zeige, dass auch seltene Erregerkonstellationen bei orbitalen Entzündungen berücksichtigt werden müssen. Eine frühzeitige antibiotische Therapie ermöglicht selbst bei komplexer Ausgangssituation eine vollständige Remission ohne stationäre Aufnahme.

 

Originalpublikation: Hains L et al., Gonococcal Dacryoadenitis: A Case Report. Case Rep Ophthalmol 2026; 17(1): 275–280

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