Wie viel Hitze verträgt der Mensch?
Mit steigenden Temperaturen rückt eine zentrale Frage in den Fokus der Forschung: Wann wird die Hitze für den Menschen gefährlich? Eine aktuelle Übersichtsarbeit hat nun versucht, darauf eine systematische Antwort zu geben – und zeigt doch, dass es keine einheitliche Grenze geben kann.
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Die Frage „Wann ist heiß zu heiß?“ lässt sich nicht mit einem einzelnen Schwellenwert beantworten. Vielmehr existieren unterschiedliche Grenzen, die je nach Perspektive – subjektiv, physiologisch oder funktionell – variieren können. [Symbolbild]
Die Arbeit analysierte bestehende empirische Modelle zur menschlichen Hitzetoleranz und ordnete diese in die Bereiche Wahrnehmung, Physiologie und Funktion. Diese Einteilung folge der Definition der International Union of Physiological Sciences, wonach Hitzetoleranz die Fähigkeit beschreibt, hohe Umgebungstemperaturen zu ertragen – entweder im Sinne von Komfort, thermischem Gleichgewicht oder funktioneller Leistungsfähigkeit, wie die Autoren eingangs erklären.
Sie betonen, dass diese Dimensionen eng miteinander verknüpft seien, in der bisherigen Forschung jedoch meist isoliert betrachtet wurden. Ein integratives Modell, das alle drei Ebenen gleichzeitig abbilden könne, fehle bislang.
Wahrnehmung: Komfort als erste Grenze
Die niedrigste Schwelle bildet die subjektive Wahrnehmung von Hitze. Modelle wie das Predicted Mean Vote (PMV) zeigen, dass thermischer Komfort unter Standardbedingungen bereits bei etwa 26°C endet. Darüber hinaus werde die Umgebung als „leicht warm“ empfunden, was als Überschreiten der Komfortgrenze gelte.
Allerdings sei diese Grenze durchaus variabel. Der adaptive Komfortansatz zeige, dass Menschen sich an höhere Temperaturen gewöhnen können. Bei höheren Außentemperaturen verschiebe sich die Komfortzone auf bis zu etwa 29°C. Entscheidend seien dabei Erfahrung, Erwartung und klimatische Anpassung, so die Autoren weiter.
Physiologie: Wenn der Körper nicht mehr ausgleichen kann
Jenseits der subjektiven Wahrnehmung liege die physiologische Grenze, definiert durch die Fähigkeit des Körpers, ein Gleichgewicht zwischen Wärmeproduktion und Wärmeabgabe aufrechtzuerhalten. Grundlage dafür ist die Wärmebilanzgleichung, die metabolische Wärmeproduktion und verschiedene Wärmeabgabewege (Verdunstung, Konvektion, Strahlung, Leitung) berücksichtige.
Wird dieses Gleichgewicht gestört, komme es zu einem kontinuierlichen Anstieg der Körperkerntemperatur. Modelle zeigen, dass unter moderaten Aktivitätsbedingungen und bei 50 Prozent Luftfeuchtigkeit eine Umgebungstemperatur von etwa 39,5°C diese Grenze markiert. Ab diesem Wert sei ein Ausgleich nicht mehr möglich.
Bei älteren Menschen liege dieser Wert übderdies mit rund 36,7°C noch einmal deutlich niedriger, was die altersbedingten Einschränkungen der Thermoregulation widerspiegelt.
Funktion: Leistung und Überleben als kritische Endpunkte
Die höchste und zugleich kritischste Ebene betreffe die funktionelle Hitzetoleranz. Sie beschreibt, ab wann grundlegende Funktionen, Leistungsfähigkeit oder sogar das Überleben gefährdet sind.
Dabei werde deutlich, dass funktionelle Einschränkungen bereits deutlich unterhalb lebensbedrohlicher Temperaturen auftreten können. Hitzestress beeinflusse nämlich nicht nur physiologische Prozesse, sondern auch die kognitive Leistungsfähigkeit sowie die Arbeitskapazität – mit direkten Auswirkungen auf Gesundheitssysteme und die Arbeitswelt, erinnern die Autoren.
Ein neues Rahmenmodell für eine komplexe Realität
Auf Basis der analysierten Modelle schlagen die Autoren ein integratives Rahmenkonzept vor, das die drei Dimensionen zusammenführt. Dieses soll die gesamte Bandbreite menschlicher Reaktionen auf Hitze unter realen Lebensbedingungen abbilden und damit eine Grundlage für evidenzbasierte Anpassungsstrategien liefern.
Gleichzeitig weisen sie aber auf Limitationen hin, denn die meisten Daten stammten aus Studien mit jungen, gesunden Erwachsenen. Vulnerable Gruppen wie ältere Menschen oder chronisch Kranke seien bislang unzureichend untersucht, so die Autoren zum Abschluss.
Fazit
Die Frage „Wann ist heiß zu heiß?“ lasse sich nicht mit einem einzelnen Schwellenwert beantworten. Vielmehr existierten unterschiedliche Grenzen, die je nach Perspektive – subjektiv, physiologisch oder funktionell – variieren können. Die vorliegende Arbeit zeige daher, dass eine ganzheitliche Betrachtung dieser Dimensionen notwendig sei, um Risiken realistisch einzuschätzen und wirksame Schutzmaßnahmen zu entwickeln.
Originalpublikation: Filingeri D, Koch Esteves N, How hot is too hot for people? A review of empirical models of perceptual, physiological and functional limits of human heat tolerance. Experimental Physiology 2026; 111(4): 1669–1686