Fallbeispiel

Mädchen hat zu viele Bakterien im Darm

Ein 3,5 Jahre altes Mädchen stellt sich mit seit zehn Monaten bestehenden abdominellen Schmerzen und ausgeprägter Distension vor. Begleitend treten häufiges Aufstoßen und Flatulenz auf, während Appetit, Wachstum und Entwicklung altersgerecht bleiben, schreiben die Autoren im Fachjournal Einstein.

©Ezume Images / stock.adobe.com Eine Dünndarmfehlbesiedlung kann auch bei klinisch unauffälligen Kindern ohne Risikoprofil auftreten. [Symbolbild]

Übelkeit, Erbrechen oder nächtliche Schmerzepisoden werden indes verneint. Die Symptomatik begann demnach schleichend und nahm im Verlauf immer weiter zu. Nach antibiotischer Therapie zweier Otitiden mit Amoxicillin/Clavulansäure verschlechterten sich Blähungen und Bauchumfang weiter. Postprandiale periumbilikale Schmerzen traten verstärkt auf, insbesondere nach laktosehaltigen und süßen Speisen.

Breite Differenzialdiagnostik bleibt zunächst ohne Befund

Die klinische Abklärung fokussiert zunächst auf häufige Ursachen kindlicher gastrointestinaler Beschwerden. Laktoseintoleranz, Zöliakie, Parasitosen, chronische Obstipation sowie strukturelle Anomalien wie Malrotation werden systematisch geprüft.

Die Bildgebung des Darms zeigt keine Fehlbildungen, die serologische Zöliakiediagnostik bleibt unauffällig, parasitologische Untersuchungen sind negativ. Auch eine diätetische Laktosekarenz führt nicht zur Beschwerdebesserung. Eine Therapie der Obstipation mit Polyethylenglykol bleibt ebenfalls ohne Effekt, wie die Autoren weiter erklären.

Klinischer Wendepunkt: Verdacht auf bakterielle Fehlbesiedlung

Erst die erneute Bewertung der Anamnese mit persistierender Flatulenz und ausgeprägten abdominellen Geräuschen lenkt den Verdacht schließlich auf eine bakterielle Fehlbesiedlung des Dünndarms (SIBO).

Die körperliche Untersuchung zeigt einen geblähten, tympanitischen Bauch mit hörbaren Borborygmen, jedoch ohne Druckschmerz. Klassische Risikofaktoren für SIBO – etwa vorangegangene Operationen, Immundefekte oder chronische Grunderkrankungen – fehlen allerdings vollständig.

Atemtest bestätigt Verdacht

Zur weiteren Abklärung erfolgt ein Wasserstoff-Atemtest mit Lactulose. Die Messung zeigt einen frühen Anstieg der ausgeatmeten Wasserstoffkonzentration bereits 60 Minuten nach Substratgabe, was eine bakterielle Fermentation im Dünndarm anzeigt.

Parallel findet sich in der Röntgenaufnahme des Abdomens eine diffuse Gasvermehrung ohne strukturelle Pathologie (Originalbefund).

Therapie führt zur raschen Symptomkontrolle

Initial erfolgen diätetische Maßnahmen und eine Optimierung der Stuhlregulation, jedoch ohne ausreichenden Effekt. Daraufhin beginnt eine antibiotische Therapie mit Metronidazol in einer Dosierung von 30 mg/kg/Tag über zehn Tage.

Unter dieser Behandlung kommt es zu einer deutlichen klinischen Besserung der Beschwerden. Lediglich intermittierende leichte Bauchschmerzen persistieren. Ein Kontroll-Atemtest zeigt anschließend keinen Hinweis mehr auf eine bakterielle Überwucherung des Dünndarms.

Klinische Einordnung: Unspezifische Symptomatik erschwert Diagnose

Der Fall illustriere aus Sicht der Autoren die diagnostische Herausforderung bei SIBO im Kindesalter. Die Symptomatik überlappe stark mit häufigeren Erkrankungen wie Laktoseintoleranz oder funktionellen Bauchschmerzen, wodurch sich die Diagnosestellung nicht selten verzögern könne.

Bemerkenswert sei aber das Fehlen klassischer Risikofaktoren, was die klinische Verdachtsdiagnose in diesem Fall zusätzlich erschwerte. Die Autoren betonen, dass SIBO auch bei Kindern ohne typische Prädisposition in Betracht gezogen werden sollte, wenn persistierende, unspezifische gastrointestinale Beschwerden bestehen.

Fazit

Die Fallbeschreibung zeigt, dass eine Dünndarmfehlbesiedlung auch bei klinisch unauffälligen Kindern ohne Risikoprofil auftreten kann. Entscheidend bleibe eine sorgfältige Anamnese und die Bereitschaft, bei therapierefraktären Beschwerden differenzialdiagnostisch weiterzudenken.

 

Originalpublikation: Tuñas LC et al., Difficulties in diagnosing a pediatric patient with small intestinal bacterial overgrowth. Einstein (São Paulo) 2026; 24: eRC2117

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