Nicht Hausärzte allein entscheiden über Erfolg des Primärversorgungssystems
Die Debatte um das Primärversorgungssystem dreht sich bislang vor allem um die Hausärzte. Eine Studie der Bertelsmann Stiftung verschiebt nun den Fokus: Entscheidend für den Erfolg der Reform könnten vielmehr die Medizinischen Fachangestellten sein. Die Autoren fordern deshalb eine Aufwertung des Berufsbildes.
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Die Bertelsmann-Studie sieht Medizinische Fachangestellte künftig als zentrale Partnerinnen der Ärztinnen und Ärzte – nicht nur bei der Organisation, sondern auch bei der Versorgung chronisch kranker Patienten.
475.000 Beschäftigte – und trotzdem spielt diese Berufsgruppe in der Gesundheitspolitik bislang eher eine Nebenrolle. Mit diesem Befund eröffnet die Bertelsmann Stiftung ihre neue Studie zur Situation der Medizinischen Fachangestellten (MFA). Der Zeitpunkt dürfte kaum zufällig sein: Während die Bundesregierung mit dem geplanten Primärversorgungssystem Hausarztpraxen zu zentralen Koordinatoren der Versorgung machen will, richtet die Studie den Blick auf jene Berufsgruppe, ohne die dieses Konzept nach Ansicht der Autoren kaum funktionieren dürfte.
Die Kernbotschaft der Autoren: Wer die ambulante Versorgung künftig stärker auf Teamarbeit, Delegation und Prävention ausrichten will, muss die Rolle der MFA neu denken. Laut der Analyse bietet gerade die aktuelle Reformdiskussion die Chance, „teambasierte Versorgung und erweiterte MFA-Rollen strukturell zu verankern“.
Die Studie zeigt, dass Medizinische Fachangestellte weit mehr leisten als Terminvergabe, Blutabnahme oder Verwaltungsaufgaben. So übernehmen viele speziell qualifizierte MFA Hausbesuche, koordinieren die Versorgung chronisch kranker Patienten, kontrollieren Medikationen, versorgen Wunden oder begleiten strukturierte Behandlungsprogramme. In vielen Praxen steuern sie zudem organisatorische Abläufe und entlasten Ärztinnen und Ärzte bei Routineaufgaben.
Nach Einschätzung der Autoren wird diese Entwicklung künftig immer wichtiger. Denn mit einer alternden Bevölkerung, mehr chronischen Erkrankungen und dem politischen Ziel, Leistungen aus den Krankenhäusern in den ambulanten Bereich zu verlagern, wächst der Bedarf an gut funktionierenden Praxisteams kontinuierlich.
Die Politik setzt auf Delegation – doch die Voraussetzungen fehlen
Genau hier sehen die Wissenschaftler allerdings ein Problem. Zwar werde seit Jahren gefordert, ärztliche Aufgaben stärker zu delegieren. Die notwendigen Rahmenbedingungen fehlten aber vielerorts noch immer. Die Autoren nennen dafür gleich mehrere Gründe: rechtliche Unsicherheiten, fehlende Refinanzierung zusätzlicher Aufgaben, uneinheitliche Kompetenzprofile sowie eine Ausbildung, die mit den Anforderungen moderner Versorgung nur noch teilweise Schritt halte. Statt weiterer Einzelmaßnahmen brauche es deshalb ein Gesamtkonzept für den Beruf.
Veraltete Ausbildung
Besonders kritisch bewertet die Studie die derzeitige Ausbildungsordnung. Sie stammt aus dem Jahr 2006 und bilde zentrale Entwicklungen der vergangenen Jahre nur unzureichend ab. Themen wie Digitalisierung, Datenschutz, Prävention, Versorgungsmanagement oder die koordinierte Betreuung chronisch kranker Menschen spielten bislang eine deutlich geringere Rolle, als sie es heute im Praxisalltag tatsächlich tun. Viele dieser Kompetenzen müssten MFA deshalb erst später über Fort- und Weiterbildungen erwerben.
Die Autoren plädieren deshalb für eine grundlegende Modernisierung der Ausbildung sowie für standardisierte Weiterbildungsangebote und klar definierte Kompetenzprofile.
Karrierewege attraktiver machen
Nach Ansicht der Studienautoren reicht es jedoch nicht aus, den MFA lediglich neue Aufgaben zu übertragen. Wer den Beruf langfristig attraktiver machen wolle, müsse auch die Entwicklungsmöglichkeiten verbessern. Die Analyse spricht sich für transparentere Karrierewege, bessere Aufstiegsmöglichkeiten und attraktivere Arbeitsbedingungen aus.
Gleichzeitig brauche es eine verlässlichere Finanzierung erweiterter Tätigkeiten und eine stärkere tarifliche Aufwertung. Die Ergebnisse der Studie sprächen „für eine stärkere Aufwertung von MFA durch bessere Vergütung, verbindliche Tarifstandards, verlässliche Finanzierung und den Ausbau standardisierter Fort- und Weiterbildungen“, heißt es in den Handlungsempfehlungen.
Überraschend große Wissenslücken
Bemerkenswert auch ein weiterer Befund der Studie: Obwohl Medizinische Fachangestellte zu den größten Berufsgruppen im Gesundheitswesen gehören, existieren nach Angaben der Autoren erstaunlich wenige wissenschaftliche Erkenntnisse über ihren Berufsalltag.
So fehle es unter anderem an belastbaren Daten zu Berufsverbleib und Berufsausstieg. Auch darüber, welche Faktoren junge Menschen langfristig im Beruf halten, sei bislang vergleichsweise wenig bekannt. Studien zu den Erwartungen von MFA an Delegation und neue Rollen ihres Berufsbildes fehlten ebenso wie Daten, die sich mit der Wirkung der Digitalisierung in den Praxen und mit den Auswirkungen für die Rolle der MFA beschäftigt, heißt es in der Studie.