Warum Gene heute stärker ins Gewicht fallen
Das sind die Gene! So lautet eine gern verwendete Erklärung für Adipositas. Klar ist: Sie sind ein wichtiger Faktor für das Körpergewicht. Doch ihr Einfluss scheint in der jüngeren Generation wortwörtlich stärker ins Gewicht zu fallen. Eine britische Analyse mehrerer Geburtskohorten untersucht, was sich seit der Nachkriegszeit verändert hat.
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Lebensmittelangebot, Portionsgrößen und Alltagsbewegung prägen, wie leicht Gewichtszunahme entsteht. Genetische Veranlagung wirkt daher nicht unabhängig von den Bedingungen, unter denen Menschen leben (Symbolbild).
Dass genetische Faktoren bei Übergewicht und Adipositas eine Rolle spielen, ist gut belegt. Weniger klar ist, wie stark diese Veranlagung unter unterschiedlichen Umweltbedingungen zum Tragen kommt und ob die veränderten Lebensbedingungen der vergangenen Jahrzehnte genetische Zusammenhänge mit dem Körpergewicht verstärkt haben. Eine aktuelle Kohortenanalyse aus Großbritannien, veröffentlicht in PLOS Genetics, untersuchte diese Frage anhand mehrerer britischer Langzeitstudien.
Vier Geburtskohorten bildeten die Grundlage
Die Forschenden nutzten Daten aus vier britischen Geburtskohorten: drei Jahrgänge aus den Jahren 1946, 1958 und 1970 sowie die Millennium-Kohorte mit Geburten zwischen 2000 und 2002. Insgesamt gingen 19.379 Teilnehmende in die Analyse ein. Der Body-Mass-Index (BMI) wurde wiederholt im Alter von 3 bis 69 Jahren erhoben.
Als genetisches Maß nutzten die Forschenden polygenetische Indizes. Diese fassen viele genetische Varianten zusammen, die in früheren Untersuchungen mit einem höheren Body-Mass-Index verbunden waren. Die Forschenden prüften, wie stark diese genetischen Profile in den verschiedenen Geburtsjahrgängen und Altersstufen mit dem tatsächlich gemessenen BMI zusammenhingen.
Genetische Prädisposition war in jüngeren Kohorten stärker mit dem BMI verbunden
In allen vier Kohorten war ein höherer polygenetischer Index mit einem höheren BMI assoziiert. Die Stärke dieses Zusammenhangs unterschied sich jedoch deutlich zwischen den Geburtsjahrgängen. In jüngeren Kohorten, besonders in der Millennium-Kohorte, war der Zusammenhang ausgeprägter als in den älteren Kohorten.
Ein Beispiel zeigt die Größenordnung: Im Alter von 16 Jahren war ein höheres genetisches Risiko in der ältesten Kohorte nur moderat mit einem höheren BMI verbunden. In der Millennium-Kohorte fiel dieser Unterschied fast doppelt so groß aus. Vergleichbare Muster zeigten sich auch, wenn die Forschenden genetische Profile betrachteten, die speziell mit dem BMI in der Kindheit zusammenhängen.
Besonders deutlich wurden die Unterschiede zwischen den Kohorten bei Personen mit höherem BMI. Nach Interpretation der Forschenden passt dies dazu, dass die Gewichtszunahme in jüngeren Geburtsjahrgängen nicht gleichmäßig ausfiel, sondern sich vor allem am oberen Ende der BMI-Verteilung zeigte.
Veränderte Umweltbedingungen verstärken genetische Prädisposition
Die Studie zeigt damit nicht, dass Gene heute wichtiger sind als früher. Sie deutet vielmehr darauf hin, dass dieselbe genetische Veranlagung unter veränderten Lebensbedingungen stärker zum Tragen kommt. Nach Interpretation der Forschenden sprechen die Befunde für eine Gen-Umwelt-Interaktion. Die Geburtskohorte diente dabei als indirekter Marker für veränderte Lebensbedingungen.
Die Autoren diskutieren unter anderem eine leichtere Verfügbarkeit energiereicher Lebensmittel, veränderte Bewegungsmuster und andere Merkmale einer Umwelt, die Gewichtszunahme begünstigt. Aus ihrer Sicht sollten weitere Studien klären, welche Umweltfaktoren genetische Prädispositionen verstärken oder abschwächen können.
Limitationen der Studie
Bei der Einordnung sind mehrere Einschränkungen zu berücksichtigen. Die Geburtskohorte diente nur als indirekter Marker für veränderte Lebensbedingungen. Welche konkreten Umweltfaktoren die stärkeren genetischen Zusammenhänge erklären, lässt sich aus der Analyse daher nicht ableiten.
Zudem konnten viele Teilnehmende über die lange Beobachtungszeit nicht durchgehend erfasst werden. Da Personen mit höherem BMI häufiger aus späteren Erhebungen ausschieden, könnten die Ergebnisse dadurch verzerrt sein. Schließlich beschränkten sich die Analysen auf Teilnehmende europäischer Abstammung, sodass die Übertragbarkeit auf andere Bevölkerungsgruppen offen bleibt.
Originalpublikation: Wright L, Davies NM, Shireby G, Williams DM, Morris TT, Bann D. Genetic risk for high body mass index before and amidst the obesity epidemic: Cross-cohort analysis of four british birth cohort studies. PLOS Genetics. 2026. DOI: 10.1371/journal.pgen.1012138