Interview

Mit oder ohne – weniger Einmalhandschuhe, mehr Schutz?

Viele greifen im Klinik- und Praxisalltag fast automatisch zu Einmalhandschuhen – oft in der Annahme, damit Patienten und sich selbst besser zu schützen. Doch genau dieser Reflex kann kontraproduktiv sein. Warum weniger Handschuhe in vielen Situationen sogar mehr Hygiene, mehr Sicherheit und zugleich mehr Nachhaltigkeit bedeuten, erklärt Jonas Loff vom Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen (KliMeG) im Interview.

©Jonas Loff / KliMeG „Handschuhe aus der Box sind keimfrei. Das ist nicht der Fall, sie sind ‚nur‘ keimarm. Uns ist wichtig zu vermitteln: Nur frisch desinfizierte Hände sind keimfrei."

Herr Loff, SIe sind u. a. beim KliMeG – Kompetenzzentrum für klimaresiliente Medizin und Gesundheitseinrichtungen tätig. Worum handelt es sich dabei und was sind dessen Aufgaben?

Rund fünf Prozent der deutschen Treibhausgasemissionen entstehen im Gesundheitswesen bzw. in seinen vorgelagerten Lieferketten. Gleichzeitig ist das Gesundheitswesen selbst stark von den Folgen des Klimawandels betroffen, etwa durch Hitzewellen, andere Extremwetterereignisse oder zunehmende psychische Belastungen. KliMeG unterstützt bettenführende Gesundheitseinrichtungen dabei, sich klimafreundlicher und klimaresilienter aufzustellen. Als Kompetenzzentrum bieten wir eine Wissens- und Vernetzungsplattform, stellen kostenfrei einen CO₂-Bilanzierungsrechner für Gesundheitseinrichtungen zur Verfügung und unterstützen mit praxisnahen Informationen zu den verschiedenen Handlungsfeldern der Transformation.

Darüber hinaus organisieren wir regelmäßige Austauschtreffen für unsere Mitglieder zu Themen wie Hitzeschutz, Ernährung oder Kreislaufwirtschaft. Neben unseren regelmäßigen Austauschformaten organisieren wir auch die CleanMed Berlin, den größten deutschsprachigen Kongress für klimafreundliches und nachhaltiges Gesundheitswesen, der am 28. und 29. September 2026 zum dritten Mal stattfindet. Seit der Gründung von KliMeG im Rahmen der ersten CleanMed Berlin im Jahr 2023 ist das Netzwerk von acht Gründungsmitgliedern auf rund 450 Gesundheitseinrichtungen und über 1.000 Pflegeeinrichtungen gewachsen.
 

Derzeit läuft eine Kampagne zum Einsatz von Einmalhandschuhen. Dabei geht es gleichzeitig um Hygiene und Nachhaltigkeit. Warum braucht es bei diesem Thema eine solche Kampagne?

Einige unserer Mitgliedseinrichtungen haben von einem deutlichen Anstieg des Verbrauchs medizinischer Einmalhandschuhe während der COVID-19-Pandemie berichtet. Nach dem Auslaufen der pandemiebedingten Maßnahmen blieb der erwartete Rückgang der verbrauchten Handschuhe jedoch vielfach aus. Dabei geht es ausdrücklich nicht darum, auf notwendige Schutzausrüstung zu verzichten, sondern medizinische Einmalhandschuhe dort einzusetzen, wo sie tatsächlich indiziert sind.

Studien zeigen, dass ein nicht indizierter Handschuhgebrauch sogar mit einer erhöhten Gefahr von Keimübertragungen einhergehen kann, weil die Händedesinfektion in diesen Situationen häufiger vernachlässigt wird. Zudem kann das häufige Tragen von Handschuhen die Hautgesundheit des Personals beeinträchtigen und durch Herstellung, Transport und Entsorgung entstehen erhebliche Umweltbelastungen.

Diesen Dreiklang aus Patientensicherheit und Hygiene, Arbeitsschutz sowie Nachhaltigkeit haben wir bei KliMeG als Handlungsauftrag verstanden und die Kampagne „Mit oder ohne? – Medizinische Einmalhandschuhe bewusst einsetzen“ ins Leben gerufen. Sie unterstützt Gesundheitseinrichtungen dabei, Mitarbeitende zu sensibilisieren und den indikationsgerechten Einsatz von Einmalhandschuhen im Alltag zu fördern.
 

Was sind die größten Fehler und Mythen rund um den Einmalhandschuh?

Der wohl größte Mythos ist, dass medizinische Einmalhandschuhe grundsätzlich mehr Sicherheit bieten. Tatsächlich sind sie eine wichtige Schutzmaßnahme, allerdings nur dann, wenn sie richtig und in den dafür vorgesehenen Situationen eingesetzt werden. Sie ersetzen in keinem Fall die Händedesinfektion. Im Gegenteil: Studien zeigen, dass das Tragen von Handschuhen dazu führen kann, dass die Händedesinfektion vor oder nach dem Ausziehen häufiger vergessen wird und dadurch das Risiko einer Keimübertragung sogar steigen kann.

Noch ein Irrtum: Handschuhe aus der Box sind keimfrei. Das ist nicht der Fall, sie sind ‚nur‘ keimarm. Uns ist wichtig zu vermitteln: Nur frisch desinfizierte Hände sind keimfrei.

Ein weiterer Irrtum ist, dass Handschuhe einen vollständigen Schutz vor Kontamination bieten. Medizinische Einmalhandschuhe sind zwar eine wirksame Barriere, sie können jedoch mikroskopisch kleine Defekte aufweisen oder während der Anwendung beschädigt werden. Deshalb bleiben eine korrekte Händehygiene und der indikationsgerechte Einsatz entscheidend.

Darüber hinaus wird häufig unterschätzt, dass Berührung ein wichtiger Bestandteil der Patientenversorgung ist. Wenn Handschuhe aus hygienischer Sicht nicht erforderlich sind, kann der direkte Hautkontakt die zwischenmenschliche Kommunikation und das Vertrauen stärken und so zu einer besseren Behandlungserfahrung beitragen.
 

Welche Vorteile bietet der bewusstere Einsatz von Einmalhandschuhen?

Ein bewusster und indikationsgerechter Einsatz medizinischer Einmalhandschuhe verbessert die Patientensicherheit und Händehygiene, schützt die Hautgesundheit der Mitarbeitenden, reduziert Umweltbelastungen und kann das Vertrauen in der Patientenversorgung stärken. Gleichzeitig sinken die Materialkosten und Gesundheitseinrichtungen werden unabhängiger von Lieferengpässen und globalen Krisen in den Lieferketten.
 

Wo bekomme ich als Arzt/Ärztin mehr Informationen oder kann ich mich sogar selbst in die Kampagne einbringen?

Wir möchten die Teilnahme an unserer Kampagne so niedrigschwellig wie möglich gestalten. Auf unserer Website unter klimeg.de/mit-oder-ohne/ finden Interessierte alle Informationen zur Kampagne und können sich kostenlos anmelden.

Nach der Anmeldung erhalten Sie stellvertretend für Ihre Gesundheitseinrichtung Zugang zu verschiedenen Kampagnenmaterialien, die Sie direkt in Ihrem Arbeitsumfeld einsetzen können, darunter Poster, eine Studiensammlung sowie Vorschläge für Aktionen im Rahmen der Kampagne. Alle Materialien sind flexibel gestaltet und können an die individuellen Bedürfnisse und Strukturen Ihrer Einrichtung angepasst werden. Bei Fragen oder Interesse an einer Beteiligung stehen wir jederzeit gerne über info@klimeg.de zur Verfügung.
 

In zwei Sätzen zum Schluss: Wann also Handschuhe tragen? Wann sind diese eher unnötig?

Medizinische Einmalhandschuhe sollten immer dann getragen werden, wenn eine konkrete Indikation besteht, beispielsweise bei einem möglichen Kontakt mit Körperflüssigkeiten, Sekreten, Exkreten oder Schleimhäuten, beim Umgang mit bestimmten Arzneimitteln wie beispielsweise Zytostatika sowie im Umgang mit Desinfektionsmitteln. In vielen Alltagssituationen der Versorgung, etwa bei der Berührung intakter Haut, beim Transport oder Umlagern von Patient:innen, bei der Essensausgabe oder bei subkutanen und intramuskulären Injektionen (z.B. Impfen), sind Handschuhe hingegen in der Regel nicht erforderlich. Sogar im Umgang mit Gefäßkathetern, die mit einem Dreiwegehahn versorgt sind, sodass ein Blutfluss verhindert werden kann, gilt: Handschuhe sind nicht erforderlich, jedoch immer eine Händedesinfektion.

Das Interview führte Dr. Marcus Mau.

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