MEDI-Umfrage zu Folgen des GKV-Spargesetzes

So pessimistisch blicken die Niedergelassenen in die Zukunft

Das GKV-Beitragssatz-Stabilisierungsgesetz wird mit seinen Sparmaßnahmen Auswirkungen auf die ambulante Versorgung haben. Darüber gibt es keinen Zweifel. Doch mit welchen Folgen rechnen die Ärztinnen und Ärzte konkret? MEDI wollte es genauer wissen und befragte die Niedergelassenen in Baden-Württemberg. Die Ergebnisse lassen für die Zukunft nichts Gutes erahnen.
 

©MEDI Smetak: „95 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Versorgung – das ist eine erschreckend hohe Zahl.“

1.782 Niedergelassene aus dem haus- und fachärztlichen Bereich sowie ärztliche und psychologische Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten aus Baden-Württemberg hatten laut MEDI an der Umfrage teilgenommen – sowohl Mitglieder als auch Nicht-Mitglieder des Verbands. Befragungszeitraum war 17. Juli bis 3. August 2026.

Die Hauptergebnisse der Erhebung im Schnellüberblick: 95 Prozent der Befragten erwarten durch das Gesetz eine Verschlechterung der Patientenversorgung; 85 Prozent fühlen sich durch die beschlossenen Maßnahmen stark oder sehr stark belastet; 79 Prozent blicken pessimistisch auf die Zukunft der ambulanten Versorgung und 94 Prozent planen, mit bestimmten Maßnahmen auf die Gesetzgebung zu reagieren.

„95 Prozent rechnen mit einer Verschlechterung der Versorgung – das ist eine erschreckend hohe Zahl“, sagte MEDI-Vorsitzender Dr. Norbert Smetak, als er die Umfrageergebnisse am Dienstag zusammen mit seinem Stellvertreter Dr. Michael Eckstein bei einer Online-Pressekonferenz vorstellte.

Eckstein sieht „Überlebenswillen der Praxen“

Bei der Frage nach den Zukunftserwartungen hatte der Verband zwischen der Zukunft der eigenen Praxis und der Zukunft der ambulanten Versorgung in Baden-Württemberg unterschieden. Dabei zeigte sich: Für die Zukunft der Versorgung malen die Befragten ein noch schwärzeres Bild als für die eigene Praxissituation. Denn auf letztere blicken „nur“ 51 Prozent der Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer „sehr“ oder „eher pessimistisch“, während 79 Prozent die Zukunft der Versorgung „sehr“ oder „eher pessimistisch“ einschätzen.

„Dieser Unterschied liegt vielleicht auch am Überlebenswillen der Praxen. Aber insgesamt ist das ein ganz schlechtes Zeichen“, kommentierte MEDI-Vize Eckstein dieses Ergebnis.

MEDI wollte auch wissen, wie stark sich die Ärztinnen und Ärzte durch die erwarteten Auswirkungen des GKV-Spargesetzes belastet fühlen. Mit „stark“ oder „sehr stark“ antworteten 85 Prozent. „Nur ein Prozent gab an, überhaupt keine Belastung zu spüren“, sagte Verbandschef Smetak.

Auch mit Blick aufs Honorar zeigten sich die Umfrageteilnehmerinnen und -teilnehmer besorgt: So sagten 97 Prozent, sie erwarteten einen Honorarverlust durch die Sparmaßnahmen. 50 Prozent gaben sogar an, dass sie mit 20.000 Euro oder mehr Verlust rechneten.

„Die Praxen machen sich natürlich auch Gedanken darüber, wie sie auf die Auswirkungen des Gesetzes reagieren können“, sagte Eckstein und gab einen Überblick auf die Maßnahmen, die die Befragten laut eigener Aussage in Erwägung ziehen.

©MEDI Eckstein: „Die Kassen halten sich raus und wir und unsere Medizinischen Fachangestellten am Tresen müssen die Auswirkungen ausbaden.“

Ganz oben auf der Liste: ein Ausbau von Privatleistungen (69 Prozent) und Selbstzahlerleistungen (66 Prozent). Außerdem gaben 61 Prozent an, die Zahl der Termine für gesetzlich Versicherte reduzieren zu wollen oder zu müssen – eine Folge, vor der die niedergelassene Ärzteschaft bereits vor Verabschiedung des GKV-Spargesetzes immer wieder gewarnt hatte. Eine Mehrheit (53 Prozent) erwägt auch, die Sprechstundenzeiten insgesamt einzuschränken.

Für immerhin 15 Prozent kommt laut der MEDI-Umfrage auch eine Aufgabe der Niederlassung infrage. Und auch das sogenannte Korbmodell, also eine konzertierte Rückgabe der Kassenzulassung, wird als mögliche Maßnahme aufgeführt – wenn auch nur von 8 Prozent.

Ausbau von Privatleistungen werde Ärzten aufgedrängt

Zum Ausbau von Privat- und Selbstzahlerleistungen sagte MEDI-Vize Eckstein, es gebe aufgrund des Gesetzes keine andere Möglichkeit mehr, die Praxen am Leben zu halten. „Es ist nicht von uns gewollt, aber es wird uns aufgedrängt.“ Hinzu komme, dass es die niedergelassenen Ärztinnen und Ärzte und ihre Praxisteams seien, die dann auch noch den Unmut der Patientinnen und Patienten aufgrund der Folgen der Sparpolitik direkt abbekämen. „Die Kassen halten sich raus und wir und unsere Medizinischen Fachangestellten am Tresen müssen die Auswirkungen ausbaden“, ärgerte sich Eckstein. Weiter warnte der stellvertretende MEDI-Chef: „Wenn sich Menschen in ihrer Not, mit ihren Schmerzen und Sorgen nicht mehr versorgt fühlen, dann geht es nicht mehr nur um Gesundheitsversorgung, sondern auch um Staatsverdruss.“ Und Verbandsvorsitzender Smetak warnte vor einer „Zweiklassen- und Staatsmedizin“, die das GKV-Beitragssatz-Stabilisierungsgesetz schaffe.

Nach der Vorstellung der Umfrage-Ergebnisse berichteten noch verschiedene Vertragsärztinnen und -ärzte über die erwarteten Folgen des Gesetzes konkret für ihre jeweilige Fachgruppe.

Eine Gynäkologin, ein Orthopäde und ein Hausarzt berichten

Mit „großen Problemen“ unter anderem für die Schwangeren-Vorsorge rechnet die Gynäkologin Dr. Christiane von Holst. „Wir werden schwangeren Frauen demnächst sagen müssen, dass wir leider für sie keine Termine haben.“ Auch die Krebsvorsorge, zum Beispiel für das Zervixkarzinom, „werden wir massiv einschränken müssen“, prophezeite die Frauenärztin. Es werde damit gerechnet, dass alleine für ihre Fachgruppe durch das Spargesetz 3,5 Millionen Termine wegfielen. „Das ist keine Situation, die wir uns gewünscht haben, sondern in die wir gezwungen werden. Die zukünftigen Zeiten werden sehr hart – für die Patientinnen, aber auch für uns Ärztinnen.“

Auch der Orthopäde Bernhard Schuknecht warnte: „Wir werden unsere Termine deutlich einschränken müssen.“ Seine Fachgruppe erwarte einen Honorarverlust von zehn Prozent. „Insgesamt ist Lage für alle Fachgruppen sehr besorgniserregend. Wenn man solch ein Gesetz anderen Berufsgruppen vorsetzen würde, ich glaube, es gäbe einen Aufschrei in Deutschland. Aber mit uns Ärzten, meint man, kann man es machen.“

Einer, der bereits Konsequenzen ergriffen hat, ist der junge Hausarzt Dr. Stefan Reschke. Er hat eine seiner beiden Hausarztpraxen in eine reine Privatpraxis umgewandelt. Er sei damit dem „Hamsterrad“ ein Stück weit entkommen, habe weniger Druck und spüre auch wieder Erfüllung in seinem Beruf, weil er mehr Zeit habe für seine Patientinnen du Patienten, aber auch für seine Familie. „Damit man es nicht falsch versteht: Ich bin noch kein Privatarzt, sondern ich bin Arzt, der sich an einem Standort mit seiner Praxis entschieden hat, aus dem System auszusteigen“, sagte Reschke.

Die beiden MEDI-Vorsitzenden kündigten an, auf der Homepage des Verbands demnächst eine Art Werkzeugkasten bereitzustellen, wie Vertragsärztinnen und -ärzte vorgehen könnten, um auf das GKV-Spargesetz zu reagieren. Und im „Worst Case“ würde der Verband auch das „Korbmodell“ unterstützen, sagte Smetak. „Das aber wirklich nur, wenn nichts anderes mehr geht.“

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