Kinderärztin Dr. Bea Merscher im änd-Interview

„Mit milden Worten kommen wir nicht weiter“

Kinderärztin Dr. Bea Merscher polarisiert: Ihr Streit mit Bundeskanzler Friedrich Merz und ihre scharfe Kritik an der Gesundheitspolitik haben ihr viel Zustimmung eingebracht. Aus der Ärzteschaft kommt allerdings auch Widerspruch, viele ärztliche Organisationen und Verbände gehen auf Distanz. Im änd-Interview weist Merscher die Kritik an ihrer drastischen Wortwahl zurück. Ohne Zuspitzung, sagt sie, wäre die Debatte über die Sparmaßnahmen kaum in dieser Breite angekommen. Zugleich wirft sie den Verbänden vor, eine Chance auf gemeinsames Auftreten verstreichen zu lassen.

©Privat Kinderärztin Bea Merscher will weiter Druck auf die Gesundheitspolitik machen und hofft dabei auf mehr Unterstützung aus der Ärzteschaft.

Frau Dr. Merscher, seit der RTL-Sendung „Am Tisch mit…“ mit dem Bundeskanzler Friedrich Merz sind Sie innerhalb weniger Tage zu einem bundesweit bekannten Gesicht des Protests gegen die Gesundheitspolitik geworden. Was hat diese Entwicklung mit Ihnen gemacht?

Ich bin noch die gleiche Person. Da hat sich nichts verändert. Ich finde es aber faszinierend, wie sich das alles entwickelt. Ich war zwar vorher nicht unbekannt, immerhin hatte über meine Plattform schon ungefähr eine halbe Million Follower. Aber mit Fernsehen hatte ich überhaupt keine Erfahrung.

Und dann erlebe ich, dass ich erst gefeiert und anschließend gehasst werde. Plötzlich werden die wildesten Geschichten über mich erzählt. Es wird infrage gestellt, ob ich überhaupt Ärztin bin. Mir wird unterstellt, ich sei ein trojanisches Pferd der Antifa oder betreibe eine gezielte Anti-AfD-Kampagne. Die Berichterstattung in den Medien, mit teilweise schlecht recherchierten Behauptungen und sogar Falschinformationen. Ich fand das wirklich wild.

Wichtiger finde ich aber, dass das Thema überhaupt den Weg in die Öffentlichkeit gefunden hat. Vor dem 27. August hätten vermutlich nur sehr wenige Menschen auf der Straße erklären können, was das GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz ist und welche Auswirkungen es auf ihr Leben haben könnte.

 

Einige Ärztinnen und Ärzte teilen Ihre Kritik an der Gesundheitspolitik, halten Ihren Ton gegenüber dem Kanzler aber für zu scharf. Was entgegnen Sie Kollegen, die fürchten, dass solche Zuspitzungen der gemeinsamen Sache eher schaden und von den Inhalten ablenken?

Ich bin ja nicht die Erste, die Kritik an den Sparmaßnahmen äußerte. Die Kassenärztliche Bundesvereinigung äußert Kritik, die Bundesärztekammer ebenfalls. Aber war das vorher in den großen Medien? Nein.

Hätte ich diese drastischen Worte nicht gewählt, würden wir heute wahrscheinlich nicht darüber sprechen. Andere Menschen in dieser Sendung haben ebenfalls Kritik geäußert, aber wer erinnert sich heute noch daran?

Die Kollegen können meinen Ton kritisieren. Aber sie müssen vielleicht auch anerkennen, dass das Thema gerade durch diese Zuspitzung überhaupt in die Öffentlichkeit gekommen ist. Der Aufschrei über meinen Ton wird irgendwann wieder abebben, das Thema bleibt aber gesetzt.

Patienten kennen außerdem viele unserer gesundheitspolitischen Begriffe gar nicht. Wenn Ärzte über Budgetierung oder Regresse sprechen, können viele Menschen damit nichts anfangen. Wenn ich dagegen erkläre, welche Folgen eine schlechter finanzierte Versorgung für ihr eigenes Leben haben kann, verstehen sie, worum es geht.

Ich glaube auch nicht, dass wir in dieser Situation, in der wir meiner Meinung nach auf eine Katastrophe zusteuern, mit möglichst milden Worten weiterkommen. Wenn für mich das Gesundheitssystem wie ein Haus ist, das lichterloh brennt, sage ich auch nicht: Ich bin damit nicht einverstanden. Dann schreie ich: Hilfe, es brennt, löscht!

 

Viele ärztliche Verbände und Organisationen kritisieren das Gesetz ebenfalls scharf. Gleichzeitig halten viele erkennbar Abstand zu Ihnen. Sie selbst haben berichtet, dass die KBV und mehrere Ärzteverbände auf Ihre Kontaktversuche vor der Demonstration nicht reagiert hätten. Wie erklären Sie sich diese Distanz?

Dieses Ghosting hat mich sehr traurig gemacht. Warum die Verbände so reagieren, müssten Sie letztlich die Verbände selbst fragen. Vielleicht lehnen sie mich als Person ab. Vielleicht bin ich manchen zu laut. Vielleicht spielt auch eine Rolle, dass ich eine Frau bin. Ich weiß es nicht. Ich finde diese Distanz jedenfalls problematisch, weil sie auch die Sache diskreditiert. Denn jetzt wäre eine Chance da, dass Ärzte gemeinsam laut werden.

Mein Vater war mehr als 35 Jahre Kassenarzt. Schon er hat es immer bedauert, dass Ärzte sich immer gegenseitig zerfleischen. Es gibt da diesen Kuchen, das Budget im Gesundheitswesen, und alle wollen ein möglichst großes Stück davon. Anstatt gemeinsam dafür zu kämpfen, den Kuchen größer zu machen, streitet man darum, ein möglichst großes Stück für sich zu ergattern.

Das ist aus meiner Sicht ein systemisches Problem innerhalb der Ärzteschaft. Ich appelliere deshalb an die Kollegen und die Verbände, persönliche Ressentiments mir gegenüber abzulegen. Man kann mich als Person hassen, damit kann ich leben. Aber darum geht es nicht. Es geht um eine gute Patientenversorgung, eine gesicherte Finanzierung des Gesundheitswesens und menschenwürdige Arbeitsbedingungen für die Menschen, die darin arbeiten.

 

Ihnen wird immer wieder vorgeworfen, Sie hätten keinerlei Erfahrung im deutschen Gesundheitssystem als Ärztin. Damit wird Ihnen teilweise auch die Kompetenz abgesprochen, die Folgen gesundheitspolitischer Entscheidungen beurteilen zu können. Was sagen Sie dazu?

Ich habe in Deutschland Medizin studiert, bin anschließend in die Schweiz gegangen, war Deutschland aber immer eng verbunden. Ich habe außerdem etwa anderthalb Jahre bei Roche gearbeitet und dadurch auch Einblicke in die Pharmaindustrie bekommen.

Nachdem ich aus Brasilien zurückgekommen bin, habe ich in Deutschland angestellt in einer kinderärztlichen Praxis gearbeitet. Es gibt Arbeitsverträge, Zahlungen an die Ärzteversorgung und andere Nachweise dafür, dass ich angestellte Ärztin in Deutschland war.

Und selbst wenn ich nicht hier gearbeitet hätte, könnte ich mich trotzdem mit dem System beschäftigen – indem ich die Politik verfolge, mit Kolleginnen und Kollegen spreche und die vielen Tausend Zuschriften meiner Follower lese und analysiere.

Ich finde es ein schwaches Argument, jemandem grundsätzlich die Berechtigung abzusprechen, sich mit einem System zu beschäftigen, nur weil er nicht jede einzelne Perspektive selbst erlebt hat. Für mich ist der Vorwurf deshalb ein Strohmannargument. Anstatt darüber zu sprechen, wie die Politik gerade die Gesundheitsversorgung zerstört, wird versucht, mich zu diskreditieren und meine Glaubwürdigkeit infrage zu stellen.
 

Lassen Sie uns dann zu den Inhalten kommen. Dass die GKV-Beiträge nicht immer weiter steigen können, schreiben Sie selbst. Wenn Sie die Sparmaßnahmen im GKV-Sparpaket ablehnen: Wie wollen Sie die Finanzierung des Systems stattdessen stabilisieren?

Die eigentlichen Kostentreiber werden im GKV-Spargesetz aus meiner Sicht gar nicht ausreichend angegangen. Ein Bereich sind zum Beispiel extrem teure Medikamente. Die Preisfindung müsste stärker reguliert werden. Es kann aus meiner Sicht nicht sein, dass ein Unternehmen zunächst selbst bestimmt, welchen Preis es verlangt.

Ein weiterer Punkt ist für mich das gesamte Zwei-Kassen-System. Das System aus privater Krankenversicherung, Beihilfe und gesetzlicher Krankenversicherung würde ich grundsätzlich zur Diskussion stellen. Es geht letztlich um eine gesamtgesellschaftliche Gesundheitsversorgung.

Wir müssen über die staatliche Finanzierung sprechen. Gesamtgesellschaftliche Aufgaben werden hier zu einem großen Teil von den gesetzlich Versicherten finanziert. Ein Beispiel sind die Beiträge für Bürgergeldempfänger, die nicht kostendeckend aus Steuermitteln finanziert werden. Auch die Zahl der Krankenkassen stelle ich infrage.

Außerdem müssen wir auch diskutieren, welche Leistungen solidarisch finanziert werden sollen. Ich befürworte deshalb, dass homöopathische Leistungen nicht mehr dazugehören sollen.

Krankenhäuser sind natürlich ein großer Kostenfaktor. Sie sind aber auch wichtig. Ich halte zum Beispiel wenig davon, die Zahl der Krankenhäuser massiv zu reduzieren. Gerade Kreiskrankenhäuser erfüllen aus meiner Sicht wichtige Aufgaben in der Versorgung. Man könnte solche Standorte auch stärker mit ambulanten Strukturen verbinden. Da gibt es einige gute Ansätze.

Das Thema ist sehr komplex. Ich werde daher in den nächsten Tagen ein ausführliches Papier veröffentlichen, in dem ich meine Vorschläge detailliert darstellen möchte.

 

Was war für Sie persönlich der Moment, an dem Sie gesagt haben: Jetzt reicht es, jetzt muss ich wirklich aktiv werden?

Das kann ich sehr genau sagen. Ich war mit meinem Sohn beim Kinderarzt, weil er gegen FSME geimpft wurde. Der Kinderarzt saß da völlig geknickt und sagte mir, dass er möglicherweise nicht mehr jedem Kind eine U-Untersuchung anbieten könne.

Das war für mich der Moment, in dem ich gesagt habe: Jetzt reicht es. Ich bin Kinderärztin und Mutter, Deutschland ist meine Heimat. Ich möchte, dass es den Kindern in diesem Land gut geht. Ich möchte nicht, dass bei ihnen gespart wird.

Als ich mich näher damit beschäftigt habe, habe ich gemerkt, dass es nicht nur um Kinder geht. Es betrifft kranke, chronisch kranke und behinderte Menschen, Familien und viele andere.

Ich bin Bürgerin dieses Landes und Ärztin. Meine Ausbildung wurde von Steuerzahlern finanziert, meine teure Antikörpertherapie, die ich aufgrund meiner Rheuma-Erkrankung bekomme, trägt die Solidargemeinschaft. Deshalb empfinde ich es als meine Verantwortung, meine Reichweite zu nutzen und etwas zurückzugeben. Ich möchte mir später nicht vorwerfen müssen, dass ich geschwiegen habe. Ich möchte sagen können: Doch, ich bin laut geworden.

 

Was planen Sie als Nächstes?

Es sind bereits weitere Demonstrationen geplant. Am 13. September soll eine Demonstration in Essen stattfinden, am 19. September in Idar-Oberstein und am 4. Oktober in Stuttgart. Weitere Demonstrationen möchte ich unter anderem in Köln, Saarbrücken, Hamburg, Hannover, München, Dresden und Frankfurt am Main organisieren.

Außerdem arbeite ich – wie bereits erwähnt - an einem ausführlichen Papier mit meinen gesundheitspolitischen Vorschlägen.

Mein Appell an alle Kolleginnen und Kollegen: Legt persönliche Vorbehalte ab und schaut auf die Sache. Es geht nicht um mich und nicht um einzelne Berufsgruppen. Es geht um eine gute Patientenversorgung, um eine gesicherte Finanzierung unseres Gesundheitswesens und um menschenwürdige Arbeitsbedingungen für alle, die darin arbeiten. Genau dafür gehen wir auf die Straße.

Deshalb: Kommt zu den Demonstrationen, bringt eure Teams und eure Familien mit, sprecht in euren Praxen und Kliniken darüber. Je mehr von uns sichtbar werden, desto schwerer sind wir zu überhören. Ich freue mich auf jeden, der dabei ist. Ich möchte einen statt spalten. Zusammen sind wir stärker.

Dr. med. Bea Merscher studierte Humanmedizin in Frankfurt am Main und absolvierte ihre Facharztausbildung in Kinder- und Jugendmedizin in der Schweiz. Zusätzlich erwarb sie einen Master of Public Health an der University of Liverpool. Berufliche Stationen führten sie unter anderem nach Lesotho, Guinea und Brasilien. Später arbeitete sie für ein Jahr als angestellte Kinderärztin in Deutschland. Heute vermittelt sie medizinisches Wissen vor allem über soziale Medien und ihre Online-Community „Dr. Beas Elternkompass“. Auf Instagram folgen ihr rund 800.000 Menschen.

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