Marktende zweier HIV-Mittel – Welche Folgen hat das?
AbbVie will den Vertrieb seiner HIV-Arzneimittel Kaletra® und Norvir® einstellen. In Deutschland sollen die Präparate voraussichtlich im Sommer 2027 vom Markt genommen werden. Das Unternehmen begründet diese Entscheidung mit der Weiterentwicklung der HIV-Therapie und dem dadurch deutlich gesunkenen klinischen Bedarf an älteren Wirkstoffen. Der Ärztenachrichtendienst sprach im Vorfeld des Welttages der sexuellen Gesundheit am 4. September mit Prof. Christoph Spinner von der TU München über Auswirkungen und Alternativen.
©Christoph Spinner / TUM
"Neuere Substanzen werden kostenbedingt entweder vom Markt zurückgezogen oder erst gar nicht eingeführt. Für unsere Patientinnen und Patienten bedeutet dies, dass sie nicht mehr uneingeschränkt von medizinischen Innovationen profitieren können", beschreibt Prof. Spinner ein aktuelles Problem in der deutschen Versorgungslandschaft.
Von der Vertriebseinstellung betroffen sind sämtliche in der Mitteilung des Herstellers aufgeführten Darreichungsformen von Kaletra® mit den Wirkstoffen Lopinavir und Ritonavir sowie von Norvir® mit dem Wirkstoff Ritonavir, wie das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) berichtete. Dazu gehören Kaletra® als Filmtabletten in den Wirkstärken 100 mg/25 mg und 200 mg/50 mg sowie als Lösung zum Einnehmen mit 80 mg Lopinavir und 20 mg Ritonavir pro ml. Bei Norvir® betrifft die Entscheidung die 100-mg-Filmtabletten sowie das 100-mg-Pulver zur Herstellung einer Suspension zum Einnehmen.
Nach Angaben von AbbVie erfolgt die Marktrücknahme nicht nur in Deutschland. Die Vermarktung und der Vertrieb der HIV-Produkte sollen vielmehr in allen Märkten eingestellt werden, in denen die Präparate zugelassen sind. Die Produkte sollen dabei schrittweise vom Markt genommen werden.
Weiterentwicklung der HIV-Therapie senkt klinischen Bedarf
Mit dieser für Sommer 2027 vorgesehenen Marktrücknahme endet in Deutschland die Vermarktung zweier HIV-Arzneimittel, die seit den 1990er- beziehungsweise frühen 2000er-Jahren verfügbar waren. Der Hersteller begründet seinen Schritt mit dem medizinischen Fortschritt in der HIV-Therapie und dem dadurch gesunkenen klinischen Bedarf.
Für derzeit mit den betroffenen Präparaten behandelte Patientinnen und Patienten soll die Umstellung in Abstimmung mit Gesundheitsbehörden und medizinischem Fachpersonal erfolgen.
Kurzinterview zur HIV-Therapie in Deutschland
Wie es vor dem Hintergrund der sich verändernden Therapielandschaft und der zunehmenden Wirtschaftlichkeitsvorgaben um die Versorgung von HIV-Patientinnen und Patienten in Deutschland steht, erklärte Prof. Christop D. Spinner, Leitender Oberarzt Infektiologie am TUM Klinikum in München, im Gespräch mit dem Ärztenachrichtendienst:
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Herr Prof. Spinner, spielen Kaletra® und Norvir® denn überhaupt noch eine Rolle in Deutschland und wenn ja, für welche Patientinnen und Patienten? Lopinavir (Kaletra®) wird in Deutschland nur noch bei wenigen, sehr speziell ausgewählten Patientinnen und Patienten mit HIV eingesetzt. Die Substanzklasse der HIV-Proteaseinhibitoren spielt heute insgesamt eine untergeordnete Rolle, da sie gastrointestinal schlechter verträglich sind als neuere Alternativen und mit den Integrase-Inhibitoren (INSTI) potentere Substanzen für die Erstlinientherapie zur Verfügung stehen. Unter den Proteasehemmern ist Lopinavir zudem wegen der notwendigen zweimal täglichen Einnahme ohnehin nur noch von nachrangiger Bedeutung. Gleichzeitig gibt es aber Probleme, neue Medikamente aufgrund zu hoher Preisforderungen der Pharmaindustrie auf den deutschen Markt zu bringen. Droht hier im Bereich HIV eine Einengung auf nur noch wenige Therapieoptionen? Nicht nur in der Infektiologie und HIV-Medizin lässt sich beobachten, dass neuere Therapieoptionen in Deutschland oft nur noch eingeschränkt, deutlich verzögert oder gar nicht mehr verfügbar sind. Neuere Substanzen – wie beispielsweise das zweimal jährlich zu verabreichende Lenacapavir – werden entweder vom Markt zurückgezogen oder erst gar nicht eingeführt, weder zur Therapie noch zur Prävention. Für unsere Patientinnen und Patienten bedeutet dies, dass sie nicht mehr uneingeschränkt von medizinischen Innovationen und neuen Behandlungsoptionen profitieren können. Gerade in Zeiten wirtschaftlicher Knappheit sowie bei strengen Kosten-Nutzen-Bewertungen müssen wir medizinisch, wie auch politisch, gesellschaftlich und sozialmedizinisch tragfähige Wege finden, um die richtige Balance zwischen dem Zugang zu Innovationen und einer angemessenen Wirtschaftlichkeit zu wahren. Welche leitliniengerechten Alternativen sollten Ärztinnen und Ärzte Patientinnen und Patienten anbieten, die derzeit noch mit Kaletra® und Norvir® behandelt werden? Aus medizinischer Sicht gibt es heutzutage kaum noch Gründe, warum eine Person mit HIV zwingend mit Lopinavir behandelt werden müsste. Es stehen hochwirksame und deutlich besser verträgliche Alternativen zur Verfügung – etwa Integrase-Inhibitoren oder andere Proteasehemmer, jeweils in Kombination mit beidseitig abgesicherten kardiometabolischen bzw. nukleosidischen Reverse-Transkriptase-Hemmern. |