Jeder dritte Befragte hat HNO-Kinderoperationen aufgegeben
Immer mehr niedergelassene HNO-Ärzte geben offenbar Kinder-OPs auf oder reduzieren die Zahl der Eingriffe. Laut einer aktuellen Mitgliederbefragung des HNO-Bundesverbandes hat jeder dritte Befragte inzwischen ganz damit aufgehört, ein weiteres Fünftel operiert weniger. Als wichtigsten Grund nennen diese Ärzte die unzureichende Vergütung. Nach Berechnungen des Verbandes könnten die Befragten unter besseren Bedingungen zusammen rund 30.000 zusätzliche Eingriffe pro Jahr anbieten.
©Lopata/Axentis
Der Schlüssel für kürzere Wartezeiten liege bei der Politik, machte BVHNO-Präsident Prof. Jan Löhler deutlich.
Von den 708 Befragten, die Angaben über ihre persönliche OP-Tätigkeit machten, operiert der Umfrage zufolge nur noch knapp ein Viertel regelmäßig Kinder. Gut jeder Fünfte hat die Zahl der Eingriffe reduziert, ein Drittel hat sie ganz aufgegeben. Die wirtschaftliche Bewertung fällt eindeutig aus: Mehr als 90 Prozent der Befragten halten HNO-Kinderoperationen derzeit für eher nicht oder nicht wirtschaftlich.
Der Rückgang trifft auf einen weiterhin hohen Behandlungsbedarf. Fast 60 Prozent der Befragten sehen pro Quartal zwischen 11 und 50 Kinder mit gesicherter Operationsindikation, knapp ein Viertel sogar mehr als 50. Viele Kinder müssen monatelang auf einen OP-Termin warten: Knapp 36 Prozent der befragten HNO-Praxen nennen vier bis sechs Monate, mehr als jeder Vierte (26,3 Prozent) berichtet von sieben bis 12 Monaten. Bei neun Prozent warten Kinder länger als ein Jahr auf einen planbaren Eingriff. OP-Termine innerhalb von vier Wochen gibt es praktisch nicht mehr.
Nach Einschätzung der Ärzte bleiben die langen Wartezeiten nicht folgenlos. 87,6 Prozent beobachten eine verzögerte Sprachentwicklung, 81,9 Prozent eine anhaltende oder zunehmende Hörminderung. 80 Prozent berichten von wiederholten Arztkontakten, 76,2 Prozent von einer erheblichen Belastung der Familien.
Als wichtigsten Grund für die Einschränkung oder Aufgabe der OP-Tätigkeit nennen 58,7 Prozent die unzureichende Vergütung. Mit deutlichem Abstand folgen eingeschränkte oder weggefallene Operationsmöglichkeiten in einem Krankenhaus oder OP-Zentrum. Auch dort spielen wirtschaftliche Erwägungen offenbar eine große Rolle. Von 91 Befragten, deren OP-Möglichkeit durch ein Krankenhaus oder OP-Zentrum eingeschränkt oder beendet wurde, gaben 62,6 Prozent an, HNO-Kinderoperationen seien für den Betreiber wirtschaftlich nicht attraktiv genug gewesen. 57,1 Prozent berichteten, vorhandene OP-Kapazitäten seien stattdessen für lukrativere Eingriffe anderer Fachrichtungen genutzt worden.
Drei Viertel würden wieder mehr operieren
Die Umfrage zeigt zugleich, dass zusätzliche Kapazitäten grundsätzlich vorhanden wären. 46 Prozent würden ihre OP-Tätigkeit bei deutlich besseren wirtschaftlichen Bedingungen ausweiten oder wieder aufnehmen. Weitere 29,6 Prozent halten das für wahrscheinlich. „Wenn drei von vier Praxen bereit wären, mehr zu operieren, sobald sich die Rahmenbedingungen verbessern, dann liegt der Schlüssel für kürzere Wartezeiten bei der Politik, nicht bei fehlendem Engagement der Ärzteschaft“, betonte BVHNO-Präsident Prof. Jan Löhler. Nach Berechnungen des Verbandes könnten die Befragten unter besseren Bedingungen zusammen rund 30.000 zusätzliche Eingriffe pro Jahr anbieten. Die derzeit operierenden Teilnehmer kommen nach eigenen Angaben auf insgesamt 43.859 HNO-Kinderoperationen jährlich.
Der BVHNO hatte seine Mitglieder nach eigenen Angaben vom 20. bis 28. August 2026 online befragt. Von 3.729 eingeladenen berufstätigen Mitgliedern nahmen 729 teil, das entspricht einer Rücklaufquote von 19,6 Prozent. Die Umfrage ist nach Verbandsangaben nicht repräsentativ.