„Moderne Medizin führt zu mehr schwierigen Infektionen“
Ebola- und Hantavirus, dazu Antibiotikaresistenzen und die „unterschätzten Spätfolgen von Infektionen“: Die Themenliste des 17. Kongresses für Infektiologie und Tropenmedizin (KIT) in Köln (17. bis 20. Juni) ist lang. Die von den verantwortlichen Fachgesellschaften organisierte Online-Pressekonferenz glich daher einem Parforceritt durch den Dschungel der Infektionsmedizin. Klar wurde dabei auch: Viele Herausforderungen stammen nicht aus fernen Wäldern, sie sind hausgemacht.
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„Infektionsmedizin geht uns alle an. Das hat uns nicht zuletzt die Covid-Pandemie eindringlich vor Augen geführt“, sagte Kongresspräsidentin Prof. Dr. Norma Jung. (Symbolbild).
„Infektionsmedizin geht uns alle an. Das hat uns nicht zuletzt die Covid-Pandemie eindringlich vor Augen geführt“, sagte Kongresspräsidentin Prof. Dr. Norma Jung (Uniklinik Köln). Auch aktuell gebe es große Herausforderungen wie den Klimawandel mit neuen Infektionsrisiken und die Zunahme multiresistenter Erreger. Im Zentrum des Kongresses stünden daher auch Diskussionen um innovative Implementierungsstrategien, ein vorausschauende Pandemievorsorge und neue Frühwarnsysteme. Kein Weg vorbei führt in diesen Zeiten auch am Thema KI: „Sie hat das Potenzial, unsere tägliche Arbeit von Routineaufgaben zu befreien und Bürokratie drastisch abzubauen. So schaffen wir zusätzlich Zeit für das Wichtigste, den Kontakt mit den Patienten, um die menschliche Empathie in der Arzt-Patienten-Beziehung wieder zu stärken“, sagte Jung.
Versorgungssituation in Deutschland
Co-Kongresspräsident Prof. Dr. Siegbert Rieg (Uniklinik Freiburg) lenkte den Blick auf die Versorgungssituation in Deutschland: „Wir werden durch die moderne Medizin, [...] mit hochpotenten Medikamenten, also Chemotherapeutika und Immunsuppressiva, […] durch immer komplexere Operationen, [...] durch temporäre Organersatzsysteme oder [...] zunehmend mehr Möglichkeiten in der Transplantationsmedizin, [...] nochmal deutlich mehr schwierig zu diagnostizierende, zu behandelnde Infektionen sehen. [Die] Patientenzahlen werden zunehmen, das Alter der Patienten steigt.“
Eine aktuelle Analyse aus Deutschland weist laut Rieg auf die Relevanz von Infektionskrankheiten, für das deutsche Gesundheitssystem hin: Demnach wurde im Jahr 2022 bei zwölf Prozent aller erwachsenen, stationär behandelten Patienten eine Infektionskrankheit als Hauptdiagnose festgestellt. Bei 28 Prozent der Patienten wurde eine Infektionskrankheit als Nebendiagnose dokumentiert. „Jeder dritte Patient in der Klinik kriegt ein Antibiotikum“, sagte Rieg. „Das heißt nicht, dass er im Verlauf des Klinikaufenthalts irgendwann ein Antibiotikum bekommt, sondern an jedem einzelnen Tag, wenn Sie in die Klinik gehen und Sie gucken nach, kriegt jeder dritte Patient ein Antibiotikum.“
Antibiotika in der Routineversorgung
In einer weiteren vor Kurzem abgeschlossenen Studie wurde Rieg zufolge die infektiologische Versorgung im nicht universitären Krankenhaus-Setting in Deutschland untersucht. Das Ergebnis: Die Antibiotika-Verschreibungsqualität war in der Routineversorgung gering und erreichte nur in vier der 14 Kategorien den angestrebten Erfüllungsgrad. „Wir wissen auf der anderen Seite, dass wenn wir infektiologische Versorgung anbieten durch Konsiliaraktivitäten, durch Beratungsaktivitäten in den Kliniken, [...] können wir die Behandlungsergebnisse signifikant verbessern, die Sterblichkeit senken. [...] Deswegen der zentrale Punkt: Wir müssen die Infektiologie strukturell verankern und einen Ausbau dieser Versorgungsangebote anstreben.“ Das Streichen der Leistungsgruppe Infektiologie aus dem Krankenhausreformanpassungsgesetz (KHAG) habe die Infektiologie aber geschwächt. „Und das konterkariert all die Dinge, die ich Ihnen jetzt gesagt habe [...]. Der KIT soll hier ein klares Signal an die politischen Verantwortlichen senden, dass die Infektionsmedizin in Deutschland Systemrelevanz besitzt und entsprechend strukturell gestärkt werden muss.“
Stille Pandemie: Antibiotikaresistenzen
Professorin Dr. Maria Vehreschild (Uni Frankfurt) rückte als Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Infektiologie (DGI) das Thema Antibiotikaresistenzen in den Mittelpunkt: „Man kann gut sagen, dass es sich bei der Multiresistenzkrise, die ja auch global abläuft, um eine Art stille Pandemie handelt.“ Die Auswirkungen seien mindestens ebenso bedrohlich: „Wir haben [weltweit] jedes Jahr über eine Million Menschen, die direkt an Folgen einer solchen Infektion versterben [...].“ Bei 4,71 Millionen Todesfällen seien multiresistente Erreger zumindest ein wesentlicher Faktor. Bis 2050 könnten weltweit 39 Millionen Menschen direkt an solchen Infektionen versterben. „Und das sind drei Todesfälle [...] pro Minute. [...] Und auch jetzt schon ist das Problem sehr groß und nimmt in Deutschland vor allem auch gerade zu.“
Vielversprechende Therapieansätze
Hoffnung, das Resistenz-Problem zukünftig therapeutisch in den Griff zu bekommen, machen der Infektiologin zufolge vor allem Entwicklungen in fünf Bereichen:
- Neue Antibiotika: In den letzten Jahren wurden in Europa neue Kombinationspräparate zugelassen – Cefepim/Enmetazobactam, Aztreonam/Avibactam und Meropenem/Vaborbactam – speziell gegen Infektionen mit multiresistenten gramnegativen Erregern.
- Mikrobiota-basierte Therapien: Regulatorisch steht mit der EU-SoHO-Verordnung (veröffentlicht Juli 2024, anwendbar ab 2027) ein neuer Rahmen bevor, der Spenderstandardisierung und Harmonisierung von fäkalen Mikobiotatransferpräparaten (FMT) verbessern soll. Für den FMT bei rezidivierender Clostridioides-difficile-Infektion (rCDI) ist dies besonders relevant: Die SoHO Verordnung dürfte laut Einschätzung von Vehreschild „zu einer deutlichen Verbesserung der Verfügbarkeit und Standardisierung führen und damit die klinische Implementierung der FMT als Therapie der Wahl bei rCDI europaweit erleichtern“.
- Bakteriophagen: Viren, die gezielt Bakterien abtöten, erleben ein wissenschaftliches Comeback. Frankreich und Belgien ermöglichen bereits die klinische Anwendung. In Deutschland wurde aktuell unter der Schirmherrschaft der DGI eine AWMF-S2k-Leitlinie entwickelt, die den individualisierten Einsatz in Deutschland ebenfalls ermöglichen soll. Verschiedene klinische Studien zu Phagencocktails und individualisierten Ansätzen sind ebenfalls aktiv oder in Vorbereitung.
- Monoklonale Antikörper (mAbs): Monoklonale Antikörper gegen Infektionserreger sind ein wachsendes, aber nach wie vor unterentwickeltes Therapiefeld. Der bisher bedeutendste jüngere Fortschritt ist Nirsevimab (Beyfortus) von Sanofi, das seit 2023 europaweit zur Prävention schwerer RSV-Bronchiolitiden bei Säuglingen eingesetzt wird. Im CDI-Bereich entwickelt AstraZeneca mit AZD5148 einen humanisierten Anti-Toxin-B-mAb als Nachfolger des inzwischen vom Markt genommenen Bezlotoxumab. Im Bereich multiresistenter Krankenhauserreger arbeitet das DZIF an mAbs gegen Pseudomonas aeruginosa, die das Typ-III-Sekretionssystem über das Schlüsselprotein PcrV blockieren, sowie an Antikörper-basierten Strategien gegen MRSA.
- Künstliche Intelligenz: KI-Algorithmen können beim Screening von vielversprechenden Wirkstoffkandidaten im Bereich von zum Beispiel Antikörpern, Antibiotika und Phagen in Zukunft eine wichtige Rolle spielen. Sie haben außerdem das Potenzial, Resistenzen von Bakterien gegenüber Antibiotika und Bakteriophagen ohne aufwendige Testungen im Labor vorherzusagen. Dies würde Zeit und Kosten sparen. Ebenso besteht die Möglichkeit, passgenaue Antibiotic-Stewardship-Programme in Echtzeit mit hoher Effizienz umzusetzen.
Marktversagen bei Antibiotika
„Zu diesen Innovationen werden wir einige spannende Vorträge hören, aber wir werden auch hören, wo es eben Herausforderungen gibt und Handlungsbedarf“, so Vehreschild. Ein zentrales strukturelles Problem bleibe das Marktversagen in der Antibiotikaforschung: Für die Pharmaindustrie gebe es keine besonderen Anreize, Antibiotika zu entwickeln. „Und hier fragt man welche Mechanismen können vielleicht auch politisch angewendet werden, um dieses Austrocknen der Pipeline verhindern?“
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Geballte Kompetenz: Screenshot der Online-Pressekonferenz zum 17. Kongress für Infektiologie und Tropenmedizin (KIT) in Köln (17. bis 20. Juni).
Langzeitfolgen von Infektionskrankheiten
Die „unterschätzten Spätfolgen von Infektionen“ waren das Thema von Professor Dr. Leif Erik Sander (Charité, Berlin): „Bei der Influenza [...] oder der Pneumonie […] weiß man mittlerweile aus vielen [...] sehr großen Studien und Untersuchungen, dass in den Wochen nach einem solchen Ereignis das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle um ein Vielfaches erhöht ist. […] Schätzungen zufolge sind fünf bis zehn Prozent aller akuten kardiovaskulären [...] Ereignisse zumindest durch vorangegangene Infektionen mitausgelöst.“ Ein weiterer Punkt sei das erhöhte Risiko von Demenzerkrankungen infolge von Herpesvirus-Infektionen.
„Wir müssen […] Infektionskrankheiten neu denken. Das ist nicht nur eine kurzfristige Gesundheitsbedrohung, […] es ist ein Einflussfaktor auf die Gesundheit, der die gesamte Lebensspanne [...] betrifft und auch ein wichtiger, wahrscheinlich unterschätzter Treiber von chronischen Erkrankungen. […] Daraus ergibt sich meiner Meinung nach eine relativ klare Konsequenz: Wir brauchen eine leistungsfähige Infektionsmedizin [].“ Insbesondere die klinische Infektiologie spiele eine Schlüsselrolle. „Denn sie gewährleistet die frühzeitige Diagnose und wirksame Behandlung und im Zusammenspiel [...] mit vielen anderen Disziplinen auch die Entwicklung von effektiven Präventionskonzepten. [...] Das heißt: Investitionen in Prävention, Impfprogramme, Forschung und klinische infektiologische Versorgung sind nicht nur Investitionen in die Bekämpfung von Infektionskrankheiten, sondern letztendlich Investitionen in die Gesundheit und auch in die Resilienz unseres gesamten Gesundheitssystems.“
Tropenmedizin in Deutschland
Dass Infektionskrankheiten aus Subsahara-Afrika in einer globalisierten Jet-Set-Welt auch für Ärztinnen und Ärzte in Deutschland ein Thema sein sollten, machte Prof. Dr. Torsten Feldt (Uniklinik Düsseldorf) von der Deutschen Gesellschaft für Tropenmedizin klar: Die aktuellen Ebola- und Hantavirus-Ausbrüche seien eine wichtige Erinnerung daran, dass selbst Ausbrüche in entfernten oder entlegenen Regionen der Welt Deutschland und Europa sehr schnell betreffen können. „In beiden Fällen mussten innerhalb kürzester Zeit nach Bekanntwerden der Ausbrüche Hochrisiko-Kontaktpersonen beziehungsweise Patientinnen und Patienten in spezialisierten Einheiten in Deutschland versorgt werden.“
Mit sieben Sonderisolierstationen, die über Deutschland verteilt sind, verfüge die Bundesrepublik über „ein sehr gut funktionierendes System“ für solche Fälle. „Dementsprechend waren die Abläufe jetzt auch bei diesen Herausforderungen in den jüngsten Ausbrüchen sehr, sehr gut. Alles hat sehr, sehr gut geklappt. Und das ist Folge der guten Vorbereitung, die wir mit viel Aufwand betreiben, auch mit einigen Ressourcen.“ Diese Reaktionsfähigkeit müsse erhalten werden und dürfe nicht Sparmaßnahmen zum Opfer fallen.
Tropenkrankheiten in Deutschland
Eine leistungsfähige Tropenmedizin ist Feldt zufolge auch im Eigeninteresse Deutschlands: „Zuletzt sehen wir auch, dass sich das Spektrum von Erkrankungen in Deutschland ändert und erweitert. Zum Beispiel haben wir durch die Ausbreitung der Asiatischen Tigermücke in Europa seit einigen Jahren Ausbrüche von exotischen und vormals typischen Tropenviren wie Dengue und Chikungunya zum Beispiel in Frankreich und Italien. Und auch ein gefährliches virales hämorrhagisches Fieber ist in Europa angekommen: Das ist das Krim-Kongo-Hämorrhagische Fieber, in der Gefährlichkeit und Übertragbarkeit sehr vergleichbar mit Ebola. Es wird durch Hyalomma-Zecken übertragen.“ Einzelne Fälle habe es in den letzten Jahren in Spanien, Portugal und Griechenland gegeben, auch mit Todesfällen. „Auch die heimischen Stechmücken können exotische Viren übertragen, da brauchen wir jetzt keine neuen Mückenarten. Das West-Nil-Virus zum Beispiel ist in Deutschland bereits angekommen. Hier gibt es seit 2019 immer wieder Fälle. Es wird durch die heimischen Culex-Stechmücken übertragen.“
Hintergrund: KIT 2026
Der 17. Kongress für Infektionskrankheiten und Tropenmedizin (KIT) findet vom 17. bis 20. Juni in Köln statt. Veranstalter sind die Deutsche Gesellschaft für Infektiologie (DGI), die Deutsche Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI) und die Deutsche Gesellschaft für Tropenmedizin, Reisemedizin und Globale Gesundheit (DTG). Erwartet werden rund 2.000 Teilnehmer aus 13 Ländern.
Kongresswebseite:
17. Kongress für Infektiologie und Tropenmedizin (KIT) in Köln