Digitalisierung in der Medizin

„Viele Lösungen werden am Arbeitsalltag vorbeientwickelt“

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen wird nach Einschätzung des Frankfurter Pneumologen und Intensivmediziners Dr. Amel Havkic noch immer zu häufig an den Bedürfnissen der Anwender vorbeientwickelt. Viele IT-Lösungen orientierten sich stärker an technischen Möglichkeiten als an den tatsächlichen Abläufen in Kliniken und Praxen, sagte Havkic im Gespräch mit dem änd.

©privat Havkic: „Pilotprojekte spiegeln die Realität oft nicht wider.“

Der Mediziner arbeitet am St. Elisabethen-Krankenhaus Frankfurt, an dem er Projektverantwortlicher für Digitalisierung ist, betreibt eine pneumologische Privatpraxis und beschäftigt sich seit Jahren wissenschaftlich mit den Erfolgsfaktoren digitaler Innovationen in der Medizin wofür er ein eigenes Bewertungsmodell entwickelt. Derzeit arbeitet er an einem Fachbuch zum Thema.

„Viele Lösungen werden von Menschen entwickelt, die nicht wirklich verstehen, wie wir im Krankenhaus arbeiten“, schultert Havkic die derzeitige Lage. Hinzu komme, dass sich Arbeitsabläufe zwischen Universitätskliniken, Schwerpunktversorgern und kleineren Krankenhäusern teilweise deutlich unterschieden. Standardisierte Software stoße deshalb häufig an ihre Grenzen.

Aus Sicht des Intensivmediziners liegt ein wesentlicher Grund für die geringe Akzeptanz vieler Anwendungen darin, dass Kliniken ihre Prozesse an die Software anpassen müssten – und nicht umgekehrt. „Die Hersteller kommen häufig mit der Haltung: So funktioniert das jetzt – friss oder stirb.“ Das führe zwangsläufig zu Widerständen bei Ärzten und Pflegekräften.

Stattdessen sollten digitale Anwendungen den klinischen Alltag stärker unterstützen. Informationen müssten dort verfügbar sein, wo sie im Behandlungsprozess benötigt würden. „Die logischen nächsten Schritte dürfen nicht weiter als drei Klicks entfernt sein“, forderte Havkic. Ziel müsse es sein, Laborwerte, Bildgebung oder Vorbefunde ohne aufwendige Navigation bereitzustellen. „Die Informationen müssen zum Arzt kommen – nicht der Arzt zu den Informationen.“ Das spare Zeit und könne zugleich die Patientensicherheit verbessern.

Kritisch äußerte sich Havkic auch zur Entwicklung großer Digitalisierungsprojekte wie der elektronischen Patientenakte. Aus seiner Sicht würden solche Anwendungen noch immer zu häufig ohne ausreichende Einbindung der späteren Anwender entwickelt. Zudem spiegelten Pilotprojekte den späteren Klinikalltag häufig nur unzureichend wider. Während der Testphase stünden Hersteller und Projektteams eng zur Verfügung und könnten Probleme sofort lösen. Im Regelbetrieb fehle diese Unterstützung jedoch häufig. „Pilotprojekte spiegeln die Realität oft nicht wider“, sagte Havkic.

Als weiteres Problem bezeichnet er die personellen Ressourcen. Digitalisierung werde vielerorts als zusätzliche Aufgabe verstanden. „Der ohnehin überforderte Arzt soll dann noch zusätzlich ein Digitalisierungsprojekt stemmen.“ Erfolgreiche Projekte benötigten dagegen ausreichend Zeit, personelle Freiräume und professionelles Projektmanagement. Wo Krankenhäuser diese Voraussetzungen schafften, verlaufe die Einführung neuer Anwendungen nach seiner Erfahrung deutlich reibungsloser.

Mit Blick auf den zunehmenden Einsatz künstlicher Intelligenz sprach sich Havkic für eine realistische Bewertung aus. Anwendungen wie KI-gestützte Dokumentationssysteme könnten die Arbeit erleichtern, erfüllten die Erwartungen bislang jedoch nicht immer. In seiner eigenen Praxis teste er entsprechende Systeme regelmäßig. „Man spart vielleicht drei Minuten bei der Dokumentation und investiert dieselbe Zeit anschließend wieder in die Korrektur der Transkription.“

Als Beispiel nannte der gebürtige Bosnier den Praxisalltag mit mehrsprachigen Patienten. In seiner eigenen Praxis werde bei manchen Patienten zwischen Deutsch und Bosnisch im Gespräch häufig gewechselt. Solche Sprachwechsel stellten KI-Systeme ebenso vor Herausforderungen wie Hintergrundgeräusche oder eine instabile WLAN-Verbindung. Auch deshalb müsse sich der Nutzen neuer Anwendungen immer im praktischen Einsatz beweisen und nicht nur in Produktpräsentationen.

Grundsätzlich sieht Havkic in der Digitalisierung weiterhin großes Potenzial für die medizinische Versorgung. Voraussetzung sei jedoch, dass neue Anwendungen konsequent aus der Perspektive der späteren Nutzer entwickelt würden. „Technologie ist schön und gut – entscheidend ist, dass sie praktisch nutzbar wird.“ Digitalisierung müsse den Arbeitsalltag von Ärzten und Pflegekräften erleichtern. Andernfalls werde sie eher als zusätzliche Belastung wahrgenommen als als Unterstützung.

Sein Appell richtet sich gleichermaßen an Politik, Softwarehersteller und Klinikträger. Digitale Lösungen müssten konsequent gemeinsam mit den späteren Anwendern entwickelt und unter realen Bedingungen erprobt werden. Ebenso wichtig sei es, Ärztinnen, Ärzten und Pflegekräften ausreichend Zeit und personelle Ressourcen für die Einführung neuer Systeme einzuräumen. „Technologie ist schön und gut – entscheidend ist, dass sie praktisch nutzbar wird“, sagte Havkic. Nur wenn Digitalisierung den Arbeitsalltag tatsächlich erleichtere, könne sie ihr Potenzial für eine bessere Patientenversorgung entfalten. Andernfalls bestehe die Gefahr, „dass wir uns neue Probleme bauen, statt bestehende zu lösen“.

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