Vier von fünf Ärzten erleben Gewalt im Berufsalltag
Beschimpfungen, körperliche Übergriffe und sogar sexualisierte Gewalt gehören für viele Ärztinnen und Ärzte offenbar zum Berufsalltag. Das zeigt eine neue wissenschaftliche Studie. Besonders betroffen sind Psychiatrie und Innere Medizin. Aber auch Hausarztpraxen zählen zu den Fachbereichen, in denen Gewalt regelmäßig vorkommt.
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Die Studie zeigt, dass die Gewalt überwiegend von Patienten selbst oder deren Angehörigen ausgeht.
Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte ist in Deutschland offenbar deutlich weiter verbreitet als vielfach angenommen. Nach einer jetzt veröffentlichten Studie haben fast vier von fünf befragten Medizinern während ihrer Berufstätigkeit bereits verbale Gewalt erlebt. Rund jeder Vierte berichtet von körperlichen Übergriffen, jeder Achte von sexualisierter Gewalt. Nur gut jeder fünfte Teilnehmer gab an, im Berufsleben bislang keinerlei Gewalterfahrung gemacht zu haben.
Für die Untersuchung werteten Wissenschaftler 1.751 vollständig ausgefüllte Fragebögen von Ärztinnen, Ärzten und Zahnärzten aus. Die Befragung wurde bundesweit über Ärztekammern durchgeführt. Auch wenn die Autoren darauf hinweisen, dass die Stichprobe nur einen kleinen Teil der Ärzteschaft abbildet, sprechen sie von einem weit verbreiteten Problem, das nahezu alle medizinischen Fachrichtungen betrifft.
Hausärzte gehören zu besonders betroffenen Fachgruppen
Besonders häufig berichteten Ärztinnen und Ärzte aus der Psychiatrie, der Inneren Medizin und der Anästhesiologie von körperlichen Übergriffen. Auffällig ist jedoch, dass auch die Allgemeinmedizin und hausärztliche Versorgung zu den Fachrichtungen zählen, in denen schwere körperliche Gewalt regelmäßig genannt wurde. Dazu gehörten unter anderem Faustschläge, Tritte oder Angriffe mit Gegenständen. Leichtere körperliche Übergriffe wie Schubsen, Festhalten oder festes Zupacken wurden ebenfalls häufig berichtet.
Nach Einschätzung der Autoren könnten unter anderem psychische Erkrankungen, Intoxikationen sowie belastende Situationen in der Akutversorgung und lange Wartezeiten zu einer Eskalation beitragen. Gerade in Bereichen der Primärversorgung träfen Ärztinnen und Ärzte häufig auf Patienten in emotionalen Ausnahmesituationen.
Die Studie zeigt zudem, dass die Gewalt überwiegend von Patienten selbst oder deren Angehörigen ausgeht. Patienten wurden am häufigsten als Täter verbaler, körperlicher und sexualisierter Gewalt genannt. Angehörige oder Begleitpersonen spielten insbesondere bei verbalen Angriffen ebenfalls eine große Rolle.
Ärztinnen häufiger betroffen als Ärzte
Deutliche Unterschiede zeigen sich zwischen den Geschlechtern. Ärztinnen berichteten signifikant häufiger über verbale und sexualisierte Gewalt als ihre männlichen Kollegen. Während rund 81 Prozent der Frauen verbale Gewalt erlebt hatten, lag der Anteil bei Männern bei knapp 75 Prozent. Besonders ausgeprägt war der Unterschied bei sexualisierten Übergriffen: Fast 16 Prozent der Ärztinnen berichteten davon, bei den Männern waren es gut sieben Prozent. Außerdem zeigt die Analyse, dass vor allem jüngere Ärztinnen betroffen sind.
Gewalt wird häufig als Berufsrisiko hingenommen
Nach Auffassung der Autoren dürfte die tatsächliche Zahl der Vorfälle sogar noch höher liegen. Viele Übergriffe würden weder angezeigt noch systematisch erfasst. Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte werde häufig als unvermeidbares Berufsrisiko betrachtet und deshalb hingenommen. Gleichzeitig könne sie erhebliche Folgen haben: von körperlichen Verletzungen über psychische Belastungen bis hin zu Veränderungen im ärztlichen Handeln und einer Beeinträchtigung der Patientenversorgung.
Die Wissenschaftler sehen deshalb einen deutlichen Handlungsbedarf. Sie fordern gezielte Schutzmaßnahmen für besonders gefährdete Fachrichtungen, eine systematische Erfassung von Gewaltereignissen sowie fachspezifische Präventionskonzepte. Gewalt gegen Ärztinnen und Ärzte dürfe nicht länger als unvermeidbarer Bestandteil des Berufsalltags angesehen werden.