Kommentar

Vor einigen Jahren gab es wenigstens noch Lavendel



Von Dr. Ulrike Koock, Leiterin der änd-Medizinredaktion

Ein Nutznießer ist laut Duden jemand, der einen Vorteil aus etwas zieht, ohne dafür eine Gegenleistung zu bringen. Na? Fühlen Sie sich angesprochen? Nein? Gut so! Sie sind Leistungserbringer, auch wenn manche das wohl anders sehen. Ich selbst habe die patientenorientierte Medizin vor längerer Zeit verlassen und meine Erfüllung als Fachredakteurin gefunden. Bin ich jetzt Nutznießerin des erkrankten Systems?

Gestern habe ich mich mit Freunden auf einem Dorffest getroffen. Es war ein spontanes Zusammentreffen zum Wochenausklang: Essen, Trinken (ohne Alkohol, ich war mit dem Auto unterwegs) und Lachen. Dabei war auch jemand, den ich bisher nicht kannte und wir kamen ins Gespräch über Dies und Das, Beruf, Bekanntenkreis, Sport und Personal Training – schön seichte Konversation ohne Tiefgang. Eine Freundin beugte sich plötzlich zu mir rüber und flüsterte mir zu: "Er macht viel in der Lokalpolitik!" Es war wohl als Hinweis gemeint, dass ich mich innerlich schon einmal auf anstrengende politische Diskussionen einstellen könnte. Ich wappnete mich also, denn intensives Nachfragen bis hin zu dezent geäußerter Missachtung sind gerne die Folge von einem Zusammentreffen von mir – als ehemaliger Hausärztin – mit Fremden. Warum ich diesen wunderschönen Beruf aufgegeben hätte? Ob ich es nicht vermissen würde? Wie ich meinen Versorgungsauftrag nicht ernst nehmen könne, schließlich habe der Staat meine Ausbildung gezahlt und man brauche doch Ärzte – insbesondere auf dem Land!

Das ist schon richtig. Wir brauchen Hausärztinnen und Hausärzte, aber kann man wirklich jemandem einen Vorwurf machen, wenn er (oder sie) nach vielen Jahren in diesem System nicht mehr gewillt ist, seine Familie kaum noch zu sehen, dauerhaft übermüdet zu sein und zum Dank mit immer neuen Reformen und Gesetzen konfrontiert zu werden, die eigentlich alle nur eine Sprache sprechen: „Ihr seid es nicht wert.“ Der neuste Ausspruch von Seiten des Kanzlers: Ärztinnen und Ärzte sind Nutznießer des Systems. Bislang dachte ich eher, sie seien Leistungsträger des Gesundheitssystems, aber da muss ich mich wohl getäuscht haben. Schon während der Coronapandemie waren Ärzte und Ärztinnen sowie Pflege- und Rettungskräfte dem damaligen Gesundheitsminister nicht mehr als ein Lavendeltopf wert. Aber immerhin. 

Zurück zu Merz: Wir Ärzte profitieren also von Krankheit? Und Lehrerinnen und Lehrer sind Nutznießer, weil Kinder ungebildet zur Welt kommen? Landwirte, weil wir Hunger haben und Politikerinnen und Politiker, weil ein Land gesteuert werden will? Ist es nicht vielmehr so, dass wir alle Rädchen im Getriebe sind und unseren Beitrag leisten – oft bis zur Erschöpfung? Es ist kein Nutznießen, wenn die Ärztin in der Infektsprechstunde 20 kranke Kinder untersucht oder der Arzt bis abends um 20 Uhr Sprechstunde anbietet und dafür nicht einmal vollständig vergütet wird. Sondern im Vorfeld weiß: Ich verzichte heute auch wieder auf einen großen Teil meines Geldes.

Ich habe kaum einen Kollegen oder eine Kollegin getroffen, die diesen Job des Geldes wegen macht. Vielmehr ist es die Liebe zu den Menschen, zur Medizin und das Gefühl, helfen zu wollen und einen sinnvollen Beitrag zur Gesellschaft leisten zu können.

„Vermisst du den Job nicht?“, lautete auch gestern wieder die Frage an mich. Und ich konnte aus voller Überzeugung „Nein“ sagen. Man ist nicht plötzlich nicht mehr Ärztin – denn Arzt oder Ärztin zu sein ist kein Beruf, sondern eine Lebenseinstellung. Ich bin Fachärztin für Allgemeinmedizin und habe lange in dem Beruf gearbeitet – und das kann ich nicht ablegen wie ein Kleidungsstück. Ich war liebend gerne Hausärztin aus bereits genannten Gründen. Inzwischen hat sich aber meine Hilfe am Menschen verschoben, ich arbeite im Hintergrund und informiere darüber, was in der Welt der Studien und der Medizin wichtig sein könnte. Das erfüllt mich auf vielen Ebenen mit Zufriedenheit. Zugleich bin ich auf Kongressen unterwegs und habe Zugang zu medizinischer und gesundheitspolitischer Information. Außerdem werde ich auch im Privaten – Sie kennen das – regelmäßig zu medizinischen Fragen kontaktiert. Man ist nie nicht Arzt oder Ärztin.

Indem ich diesen Kommentar schreibe, bin ich – weil ich darüber schreiben kann – womöglich sogar Nutznießerin eines Ausspruches, der sicherlich noch weite Kreise in der Ärzteschaft ziehen wird. Denn den immer weiter zermürbten Leistungserbringern vorzuwerfen, von dem zerrütteten System zu profitieren, ist schon auch eine starke Leistung, oder?

In diesem Sinne: Starten Sie gut in diese Woche!
Ihre Dr. Ulrike Koock

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