Machtstrukturen in der Medizin

„Das Schlimmste ist oft die schweigende Mehrheit“

Rund 70 Prozent der Medizinstudierenden sind Frauen, an den Spitzen der Kliniken dominieren weiterhin Männer. Für die Wirtschaftsjournalistin Bettina Weiguny und die frühere Vorständin Christina Sontheim-Leven ist dieses Missverhältnis kein Zufall. Informelle Netzwerke, Doppelstandards und berufliche Abhängigkeiten beeinflussten, wer gehört werde und Karriere mache. Bei einer Online-Veranstaltung des Deutschen Ärztinnenbundes diskutierten sie, wie sich solche Machtstrukturen erkennen und verändern lassen und warum Frauen diese Aufgabe nicht allein übernehmen können.

©KI-generiert Die gläserne Decke in der Medizin: Noch immer sind Frauen in klinischen Führungspositionen deutlich seltener vertreten.

Machtmissbrauch beginne nicht erst mit offenen Grenzüberschreitungen. Problematische Machtstrukturen zeigten sich auch in informellen Regeln, Netzwerken und der Frage, wer Zugang zu Informationen und Entscheidungen erhält. Genau dort setzen Bettina Weiguny und Christina Sontheim-Leven an. Für ihr gemeinsam mit Anna Sophie Herken veröffentlichtes Buch „Machtgebiete“ haben sie mehr als 350 Managerinnen interviewt und deren Erfahrungen mit Macht, Karriere und Diskriminierung ausgewertet.

Viele der dabei beschriebenen Mechanismen ließen sich auf die Medizin übertragen, sagten die beiden beim Auftakt der neuen Online-Reihe „SprechstundeMacht“ des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB). Aus dem Gesundheitswesen hätten sie bereits während ihrer Buchrecherche Rückmeldungen erhalten. Dort gebe es „relativ starre Hierarchien und Strukturen“, die entsprechende Probleme begünstigten, sagte Weiguny.

Frauen arbeiten in der Medizin, Männer führen sie

Besonders deutlich wird das Machtgefälle aus Sicht der Referentinnen beim Blick auf die Karrierewege. Rund 70 Prozent der Medizinstudierenden seien inzwischen Frauen. In den Führungspositionen der Kliniken kehre sich das Verhältnis jedoch um. „Kliniken sind Frauenbetriebe, die von Männern geführt werden“, sagte Weiguny. Bei Oberärzten liege der Männeranteil nach den von ihr präsentierten Zahlen bei etwa 60 Prozent, unter Klinikdirektoren und Chefärzten bei rund 80 Prozent oder darüber. Die Zahlen stammten aus unterschiedlichen Studien und seien als Größenordnungen zu verstehen.

Für Sontheim-Leven liegt dahinter ein grundsätzliches Muster: „Im Zentrum der Macht ist eben immer noch der Mann die Norm und die Frau die Ausnahme.“ Machtstrukturen seien häufig nicht unmittelbar sichtbar. Sie zeigten sich in Codes, geschlossenen Netzwerken und informellen Runden ebenso wie darin, wer Informationen bekomme oder an Entscheidungen beteiligt werde. Die interviewten Managerinnen hätten häufig davon berichtet, als einzige Frau im Raum stärker um Gehör kämpfen und mehr leisten zu müssen.

Eine weitere Hürde sehen die Autorinnen in unterschiedlichen Maßstäben für Männer und Frauen. Frauen würden häufig als „zu …“ - „zu laut“, „zu ehrgeizig“ oder „zu emotional“ -wahrgenommen, während vergleichbares Verhalten bei Männern anders bewertet werde. „Wir messen hier mit Doppelstandards“, sagte Sontheim-Leven. Entscheidend sei deshalb die Frage, wer eigentlich die Norm setze, an der Frauen gemessen würden.

Weiguny sprach auch von einer „Negativitätsfalle“: Während bei Männern eher Potenzial gesehen werde, richte sich der Blick bei Frauen stärker auf vermeintliche Defizite. Wer diesen Mechanismus erkenne, könne ihn leichter benennen und sich innerlich davon distanzieren.

Die Karriere knickt häufig mit der Mutterschaft

Als größte „Sollbruchstelle“ in den ausgewerteten Karriereverläufen bezeichnete Sontheim-Leven die Geburt eines Kindes. Sie berichtete von einer Managerin, die vor ihrer Elternzeit ausdrücklich angekündigt hatte, nach einem halben Jahr wieder in Vollzeit und mit Führungsverantwortung zurückzukehren. Noch während des Mutterschutzes erfuhr sie, dass ihre Stelle bereits anderweitig besetzt wurde.

Solche Erfahrungen erklärten mit, weshalb Frauen Kinder teilweise als Karrierehindernis wahrnähmen oder sich gegen Kinder entschieden. Die Nachteile wirkten zudem langfristig. Weiguny verwies auf die sogenannte „Child Penalty“: Frauen erreichten nach der Geburt von Kindern häufig nicht mehr das vorherige Einkommensniveau.

Einen Punkt machten Weiguny und Sontheim-Leven besonders deutlich: Die Verantwortung für Veränderungen dürfe nicht bei den Frauen selbst abgeladen werden. Es sei unrealistisch, von Betroffenen zu erwarten, jeden abwertenden Kommentar anzusprechen und sich gegen jede Benachteiligung zur Wehr zu setzen.

„Jede von uns hat auch nur ein gewisses Energielevel, und man kann sich nicht permanent in jeden Kampf stürzen“, sagte Weiguny. Wenn Frauen nicht nur um ihre eigene Anerkennung kämpfen, sondern zugleich das gesamte System verändern sollen, werde ihnen eine zusätzliche Last aufgebürdet.

Umso wichtiger seien Kollegen, die eingreifen. Dabei gehe es nicht ausschließlich um Männer. Auch Frauen könnten andere Frauen ausbremsen, räumte Sontheim-Leven ein. Wer selbst eine einflussreiche Position erreicht habe, könne stattdessen andere fördern, für sie sprechen und ihnen Zugänge eröffnen. Weiguny verwies zugleich auf Situationen, in denen sich Kollegen bei Grenzüberschreitungen heraushalten. „Oft ist nicht eine Übergriffigkeit das Schlimme oder ein blöder Kommentar, sondern die schweigende Mehrheit der Männer drumherum – oder auch Frauen“, sagte sie.

Regeln allein verändern die Verhältnisse nicht

Sontheim-Leven warnte zugleich davor, allein auf neue Vorgaben zu setzen. Es gebe bereits zahlreiche gesetzliche Regelungen zur Gleichstellung. Entscheidend sei, „wie ernst werden sie genommen, wie stark werden sie umgesetzt und wie sehr werden sie kontrolliert“. Statt immer neue Regeln zu schaffen, könne es deshalb ein wirksamer Hebel sein, bestehende Vorgaben konsequenter durchzusetzen.

Weiguny sprach sich darüber hinaus ausdrücklich für Quoten aus. Macht werde nicht freiwillig abgegeben. Quoten seien daher ein notwendiges Hilfsmittel, um mehr Frauen den Zugang zu Führungspositionen zu ermöglichen. Viele der interviewten Frauen hätten ihre zunächst ablehnende Haltung dazu im Laufe ihrer Karriere geändert. „Leistung alleine bringt nicht nach oben“, sagte Weiguny.

Wie zäh die Entwicklung gerade in der Medizin verläuft, unterstrich die frühere Charité-Gleichstellungsbeauftragte Prof. Gabriele Kaczmarczyk in der anschließenden Diskussion. Obwohl der weibliche Nachwuchs vorhanden sei, liege der Frauenanteil in Führungspositionen der klinischen Medizin seit Jahren lediglich im niedrigen zweistelligen Bereich. Die Machtpositionen würden „mit Klauen und Tatzen verteidigt“, sagte sie. Dabei gehe es „um Macht und auch um sehr viel Geld“.

Der DÄB will die Diskussion über solche Strukturen mit seiner neuen Reihe fortsetzen. Co-Präsidentin Prof. Barbara Puhahn-Schmeiser machte zum Auftakt deutlich, dass der Verband Machtmissbrauch nicht als Ansammlung individueller Fälle betrachtet. Hinter vielen persönlichen Erfahrungen stünden strukturelle Probleme. Deshalb wolle der Ärztinnenbund vor allem darüber sprechen, „welche Strukturen Grenzverletzungen begünstigen und vor allem, wie wir diese nachhaltig verändern können“.

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